Der Ister

Friedrich Hölderlin

1800

Jetzt komme, Feuer! Begierig sind wir, Zu schauen den Tag, Und wenn die Prüfung Ist durch die Knie gegangen, Mag einer spüren das Waldgeschrei. Wir singen aber vom Indus her Fernangekommen und Vom Alpheus, lange haben Das Schickliche wir gesucht, Nicht ohne Schwingen mag Zum Nächsten einer greifen Geradezu Und kommen auf die andere Seite. Hier aber wollen wir bauen. Denn Ströme machen urbar Das Land. Wenn nämlich Kräuter wachsen Und an denselben gehn Im Sommer zu trinken die Tiere, So gehn auch Menschen daran.

Man nennet aber diesen den Ister. Schön wohnt er. Es brennet der Säulen Laub, Und reget sich. Wild stehn Sie aufgerichtet, untereinander; darob Ein zweites Maß, springt vor Von Felsen das Dach. So wundert Mich nicht, daß er Den Herkules zu Gaste geladen, Fernglänzend, am Olympos drunten, Da der, sich Schatten zu suchen Vom heißen Isthmos kam, Denn voll des Mutes waren Daselbst sie, es bedarf aber, der Geister wegen, Der Kühlung auch. Darum zog jener lieber An die Wasserquellen hieher und gelben Ufer, Hoch duftend oben, und schwarz Vom Fichtenwald, wo in den Tiefen Ein Jäger gern lustwandelt Mittags, und Wachstum hörbar ist An harzigen Bäumen des Isters, Der scheinet aber fast Rückwärts zu gehen und Ich mein, er müsse kommen Von Osten. Vieles wäre Zu sagen davon. Und warum hängt er An den Bergen grad? Der andre, Der Rhein, ist seitwärts Hinweggegangen. Umsonst nicht gehn Im Trocknen die Ströme. Aber wie? Ein Zeichen braucht es, Nichts anderes, schlecht und recht, damit es Sonn Und Mond trag im Gemüt, untrennbar, Und fortgeh, Tag und Nacht auch, und Die Himmlischen warm sich fühlen aneinander. Darum sind jene auch Die Freude des Höchsten. Denn wie käm er Herunter? Und wie Hertha grün, Sind sie die Kinder des Himmels. Aber allzugeduldig Scheint der mir, nicht Freier, und fast zu spotten. Nämlich wenn

Angehen soll der Tag In der Jugend, wo er zu wachsen Anfängt, es treibet ein anderer da Hoch schon die Pracht, und Füllen gleich In den Zaum knirscht er, und weithin hören Das Treiben die Lüfte, Ist der zufrieden; Es brauchet aber Stiche der Fels Und Furchen die Erd, Unwirtbar wär es, ohne Weile; Was aber jener tuet, der Strom, weiß niemand.

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Illustration zu Der Ister

Interpretation

Das Gedicht "Der Ister" von Friedrich Hölderlin ist ein Loblied auf den gleichnamigen Fluss, der durch die Balkanhalbinsel fließt. Hölderlin beschreibt den Fluss als einen Ort der Schönheit und der Ruhe, an dem sich die Natur in voller Pracht entfaltet. Er vergleicht den Ister mit dem Herkules, der an den Fluss kommt, um sich von der Hitze des Isthmos abzukühlen. Hölderlin betont die Bedeutung des Isters als Lebensader, die das Land fruchtbar macht und den Menschen ermöglicht, zu leben und zu gedeihen. Das Gedicht ist auch eine Meditation über die Natur und die menschliche Existenz. Hölderlin beschreibt den Ister als einen Fluss, der rückwärts zu fließen scheint, was ihn zu einem Symbol der Unberechenbarkeit und des Geheimnisses macht. Er fragt sich, warum der Fluss an den Bergen hängt und warum er so geduldig und fast spöttisch wirkt. Hölderlin betont die Notwendigkeit von Zeichen und Symbolen, um die himmlischen Körper im Gemüt zu tragen und sich warm aneinander zu fühlen. Am Ende des Gedichts stellt Hölderlin fest, dass niemand weiß, was der Strom tut. Dies ist eine Anspielung auf die Unergründlichkeit der Natur und die Grenzen des menschlichen Verstehens. Hölderlin fordert den Leser auf, die Schönheit und die Geheimnisse der Natur zu bewundern und zu respektieren, anstatt sie zu kontrollieren oder zu beherrschen.

Schlüsselwörter

tag gehn mag kommen ströme nämlich wachsen darum

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wild stehn / Sie aufgerichtet
Anapher
Und wie Hertha grün, / Sind sie die Kinder des Himmels
Bildsprache
Es brennet der Säulen Laub, / Und reget sich.
Enjambement
Jetzt komme, Feuer! / Begierig sind wir, / Zu schauen den Tag
Hyperbel
Fernglänzend, am Olympos drunten
Metapher
Und wenn die Prüfung / Ist durch die Knie gegangen, / Mag einer spüren das Waldgeschrei.
Paradox
Es brauchet aber Stiche der Fels / Und Furchen die Erd
Personifikation
Feuer! Begierig sind wir, / Zu schauen den Tag
Symbolik
Der Ister
Vergleich
Und Füllen gleich / In den Zaum knirscht er