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Der Irrthum

Von

Ja, liebe Mutter, ihr habt Recht,
Daß ich der Männer falsch Geschlecht,
Wie ihr verlangt, zu hassen schwur:
Doch da ich schwur, da kannt ich meine Vettern nur:
Da glaubt ich, alle Männer wären
Den alten Zänkern gleich:
Doch Mutter, wenn ihrs glaubt, o so betrügt ihr euch!
Da solltet ihr den jungen Damon sehn:
O der ist frisch! o der ist schön!
Ich weiß, ihr würdet ihn zu lieben nicht verschwören!

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Gedicht: Der Irrthum von Christian Felix Weiße

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Irrthum“ von Christian Felix Weiße offenbart eine überraschende Wendung in der Auseinandersetzung mit Vorurteilen gegenüber Männern. Es beginnt mit der scheinbaren Bestätigung der mütterlichen Warnung vor der „falschen Geschlecht“ der Männer, eine Haltung, die die Tochter ursprünglich einnahm. Dies wird durch das Versprechen belegt, das sie ablegte, die Männer zu hassen, wie es von der Mutter gewünscht war.

Die plötzliche Kehrtwende des Gedichts liegt in der Begegnung mit „dem jungen Damon“. Die junge Frau erkennt, dass ihre anfängliche Verallgemeinerung, basierend auf der Meinung ihrer Mutter, unzutreffend war. Damon, der Inbegriff des jungen, attraktiven Mannes, verkörpert die Ausnahme von der Regel. Die Begeisterung der Tochter für ihn, ausgedrückt durch die Ausrufe über seine Frische und Schönheit, markiert den Bruch mit der ursprünglichen Abneigung. Die rhetorische Frage an die Mutter, ob sie es wagen würde, Damon nicht zu lieben, unterstreicht die Infragestellung der mütterlichen Autorität und der pauschalen Ablehnung der Männer.

Das Gedicht thematisiert die Komplexität menschlicher Erfahrungen und die Gefahr, vorgefasste Meinungen und Vorurteile ungeprüft zu übernehmen. Die Tochter, die zunächst die Ansichten der Mutter unreflektiert übernahm, wird durch ihre persönliche Erfahrung mit Damon gezwungen, ihre Haltung zu revidieren. Der „Irrtum“ besteht in der Verallgemeinerung und der vorschnellen Verurteilung, ohne die individuellen Unterschiede zu berücksichtigen. Das Gedicht plädiert für eine differenzierte Betrachtung und die Fähigkeit, sich von persönlichen Erfahrungen und Eindrücken leiten zu lassen, anstatt von vorgefertigten Meinungen.

Die sprachliche Gestaltung des Gedichts ist einfach und direkt, wodurch die Emotionen der jungen Frau authentisch wirken. Die Verwendung von Ausrufen und rhetorischen Fragen verstärkt die Überraschung und die innere Auseinandersetzung. Die Konfrontation mit dem jungen Damon löst einen tiefgreifenden Wandel aus, der die Tochter dazu bringt, ihre vorgefasste Meinung zu hinterfragen und die mütterlichen Ratschläge in Frage zu stellen. Das Gedicht ist somit eine liebevolle Kritik an der verallgemeinernden Erziehung und eine subtile Ode an die Individualität.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.