Der Hügel am Flusse
1876Hier stockt der Fuß, hier strecken sich die Glieder in seidnes Gras zu Füßen wilder Schlehen und hier muss nun die Seele immer wieder die Schattenstraße des Vergangnen gehen:
Ein sandiger Uferpfad zuerst nur, schlängelt sie kraus durch Heide und durch dürres Feld, wo still der Schnitter seine Sense dengelt und ernst der Bauer dürftiges Land bestellt.
Wie schmiegen sich ins Licht der ersten Träume von Leben und von Kindertändeleien der silbergrünen jungen Weidenbäume endlos sich wiegende, verschlungene Reihen!
Ein brauner Kinderleib taucht in die Wellen und schmale Glieder schaukeln sich behände auf Zweigen, die in blaue Weiten schnellen… Nur Frühling ist es, Frühling und kein Ende!
Wie schmiegt sich in die Zeit des Überganges vom Knaben-Mädchen zu der Grüblerin das satte Gelb des Uferwiesenhanges und seines Blühens tief versteckter Sinn!
Der Sinn der Knospe, die sich strafft und rundet wie junges Fleisch im kühlen Morgenbad! Der Zweck der Frucht wird heimlich scheu erkundet, im Buch der Sehnsucht dreht sich Blatt um Blatt…
Und breiter wird der Weg. Die Heiden weichen, schnellpulsig treibt des Lebensstromes Lauf, und eine Landschaft, üppig ohnegleichen, tut sich dem Weib in Sturm und Sonne auf.
Doch selbst in diese Jahre der Vollendung, des Liebesdreiklangs und der Mutterlust, senkt sich der Ruf von unerfüllter Sendung wie Stachel in die schwer bedrückte Brust.
Ein Tag stellt seinen Bruder stets zur Rede, weil nicht Gelingen seiner Sehnsucht ward, und von den Nächten ahnt es eine jede, wie trübe Hoffnung auf das Morgen harrt. –
Nun schmiedet sich von Ring zu Ring die Kette, ein Sommer reicht dem andern schnell die Hand - Wenn ich den Gipfel erst erwandert hätte, wie zeigte sich mir dann rings her mein Land?
Ich zage oft. Der Freunde Schar wird kleiner, doch ständig größer wächst der Pflichten Last, und von den letzten Monden schied wohl keiner, wo mir mein Weibtum bitter nicht verhasst.
Wann wird mir nur die Ruhe, die ich suche, zur Morgengabe, dass ich sie beseele? Wann spricht der Geist: “Du lebtest, Mensch, nun buche, was du gelebt! Du lebtest - nun erzähle!” - ?
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Interpretation
Das Gedicht "Der Hügel am Flusse" von Margarete Beutler ist eine tiefgründige Auseinandersetzung mit dem Lebensweg einer Frau. Die Autorin verwendet den Fluss als Metapher für das Leben, das sich stetig vorwärts bewegt und dabei verschiedene Stationen und Erfahrungen durchläuft. Das Gedicht beginnt mit einer Rückblende in die Kindheit, die als friedliche und idyllische Zeit dargestellt wird. Die Verse "Ein sandiger Uferpfad zuerst nur, schlängelt / sie kraus durch Heide und durch dürres Feld" symbolisieren die ersten Schritte im Leben, die noch unsicher und ungewiss sind. Die Erinnerungen an das Spielen am Flussufer und das Eintauchen in die Wellen stehen für die Unschuld und das unbeschwerte Sein der Kindheit. Im weiteren Verlauf des Gedichts beschreibt Beutler den Übergang ins Erwachsenenalter. Die Zeilen "Wie schmiegt sich in die Zeit des Überganges / vom Knaben-Mädchen zu der Grüblerin" verdeutlichen den Prozess der Reifung und der Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen und Wünschen. Die Autorin verwendet bildhafte Sprache, um die Veränderungen im Inneren der Protagonistin darzustellen, wie zum Beispiel die Metapher der Knospe, die sich "strafft und rundet". Im letzten Teil des Gedichts thematisiert Beutler die späteren Lebensphasen, einschließlich Liebe, Mutterschaft und die damit verbundenen Herausforderungen. Die Zeilen "Doch selbst in diese Jahre der Vollendung, / des Liebesdreiklangs und der Mutterlust, / senkt sich der Ruf von unerfüllter Sendung" zeigen, dass auch in diesen erfüllten Phasen des Lebens Zweifel und unerfüllte Träume bestehen können. Das Gedicht endet mit einer Frage nach dem Sinn des Lebens und der eigenen Existenz, was die universelle Suche nach Bedeutung und Erfüllung unterstreicht.
Schlüsselwörter
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Stilmittel
- Metapher
- Die 'Pflichten Last' wächst
- Personifikation
- Der Geist spricht: 'Du lebtest, Mensch, nun buche, was du gelebt! Du lebtest - nun erzähle!'