Logo der Website, Schriftzug "Poesie Oase" mit Palmen umrandet.
, , , ,

Der Hohenstaufen

Von

Da steht er wieder, ernst und hoch und kahl!
Ein weißes Tuch umhüllet sein Gelände,
Der Wintersonne später, bleicher Strahl
Fällt auf die weichgeschwungnen Bergeswände.

Vom Westen kommt dieß geisterhafte Licht,
Weiß wie der Schnee, auf dem es wiederstrahlet;
Doch schau‘, wie sich das Weiß in’s Rothe bricht!
Abhang und Gipfel scheint in Blut gemalet.

Ein Himmelszeichen! Heilig Opferblut
Krönt fernher scheinend deinen Scheitel wieder!
Ein Kaisermantel wallt in Purpurglut
Auf’s Neue dir um deine Heldenglieder.

O herzdurchschauernd Bild! Ich glaub‘ es kaum!
Mein Auge thaut, ja fließet nur, ihr Thränen!
Ich darf’s erleben! Wahrheit wird der Traum
Der Jünglingsseele, wird mein frühes Sehnen!

Nein, du mein deutsches Volk, du träumst nicht mehr
Von alter Herrlichkeit in kahler Blöße;
Wie kleidet er dich traurig schön und hehr,
Der blut’ge Festschmuck deiner neuen Größe!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der Hohenstaufen von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Hohenstaufen“ von Friedrich Theodor Vischer beschreibt die winterliche Erscheinung des Hohenstaufen-Berges und interpretiert sie als ein Zeichen nationaler Erhebung und Erneuerung. Der Dichter nutzt dabei eine bildreiche Sprache, um eine Verbindung zwischen der Natur, der Geschichte und dem nationalen Selbstverständnis herzustellen. Der Berg, als Sinnbild der vergangenen Größe und des deutschen Geistes, wird in seiner winterlichen Erscheinung zunächst als kahl und von Schnee bedeckt dargestellt.

Die Veränderung des Lichts, das sich von weiß zu rot wandelt, wird als ein „Himmelszeichen“ gedeutet. Das Rot, das „Blut“ des Opfers darstellt, deutet auf die Opferbereitschaft des deutschen Volkes und auf die Notwendigkeit, für die eigene nationale Identität einzustehen. Der Berg wird mit einem Kaisermantel verglichen, was die glorreiche Vergangenheit des deutschen Reiches und die Hoffnung auf eine zukünftige Größe symbolisiert. Die Emotionen des Dichters, der „herzdurchschauernd“ bewegt ist und Tränen vergießt, zeigen die tiefe Verbundenheit mit der Geschichte und der Sehnsucht nach einer Wiedergeburt des deutschen Geistes.

Im weiteren Verlauf des Gedichts wendet sich der Dichter an das deutsche Volk und stellt fest, dass der Traum von vergangener Herrlichkeit in einer „kahlen Blöße“ nicht mehr geträumt wird. Der „blut’ge Festschmuck“ der neuen Größe, symbolisiert durch das rote Licht, deutet auf die Notwendigkeit, sich der Realität zu stellen und die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen. Das Gedicht drückt die Überzeugung aus, dass das deutsche Volk, obwohl es durch Leid und Opfer gegangen ist, nun die Möglichkeit zur Erneuerung und zum Wiederaufstieg hat.

Insgesamt ist „Der Hohenstaufen“ ein pathetisches Gedicht, das die Natur als Bühne für die Reflexion über die deutsche Geschichte und die nationale Identität nutzt. Es spiegelt die Sehnsucht nach Einheit, Größe und Erneuerung wider, die im Kontext der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 19. Jahrhunderts von Bedeutung war. Vischer verbindet in seinem Werk die äußere Erscheinung des Berges mit inneren Emotionen und politischen Bestrebungen und schafft so ein starkes nationales Statement.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.