Der Hirt

Ludwig Eichrodt

1856

Kommt die Nacht mit ihren kühlen Schatten Ueber alles Land; Schwer bedunkelt schlafen schon die Matten An der Felsenwand. Und herüber zieht der Wind, Leiser Schauer faßt die Glieder - O mein liebes Kind, Wann sehen wir uns wieder?

Fand dich nicht zu Hause bei den Eltern, Fand dich nicht bei mir, Frühe sucht ich dich auf allen Feldern Und am Abend hier. Keinen Gruß, kein Lebewohl? Tiefe Nacht und tiefes Schweigen - O mein Kind schlaf wohl, Bis die Lerchen steigen.

Auf den Fluren bin ich noch alleine Und mein Herz mit mir. Sieh! der Mond mit liebetrautem Scheine Kommt die Wolken für. O du treues, goldnes Licht! Leuchte mir zu nächtgen Schritten, Weißt was mir gebricht, Was ich schon gelitten.

Berge starren, dunkle Wälder rauschen, Heilig ist es hier. Wind und Wellen will ich scheu belauschen, Flüstern sie von dir? Von den Wiesen steigt der Duft, Sanfte Geister weben drinnen, Bis der Morgen ruft Und sie scheucht von hinnen.

Manche Nacht schon bin ich umgewandelt, Mutterseelenallein, Was die Sternlein unter sich verhandelt, Ist Geheimniß mein. Und ihr Schweigen auch ist Gold, Viele wissens nicht zu deuten, Aber wem sie hold, Dem gelingts bei Zeiten.

Du, nur du, mein Engel, sollst erfahren Was ich hier gehört, Und ich wills im stillen Busen wahren, Bis ich dichs gelehrt. Glücklich werden wir einmal! Dieses mögen Alle hören - Wenn wir uns einmal Einzig angehören.

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Illustration zu Der Hirt

Interpretation

Das Gedicht "Der Hirt" von Ludwig Eichrodt handelt von einem Schäfer, der seine geliebte Person vermisst und sich nach ihr sehnt. Die Nacht bricht herein und der Schäfer wandert allein durch die Felder, während er nach seiner verlorenen Liebe sucht. Er fragt sich, wann sie sich wiedersehen werden und hofft, dass sie gut schläft, bis der Morgen kommt. Der Schäfer fühlt sich einsam und verlassen, da er seine Liebe weder bei ihren Eltern noch bei sich selbst finden konnte. Er durchstreift die Felder und sucht nach ihr, aber ohne Erfolg. Der Schäfer ist traurig über das Fehlen eines Grußes oder Abschieds und wünscht sich, dass seine Liebe gut schläft, bis die Lerchen am Morgen aufsteigen. Der Schäfer findet Trost in der Natur und betrachtet den Mond als treues und goldenes Licht, das ihm in der Nacht den Weg weist. Er lauscht dem Wind und den Wellen und fragt sich, ob sie ihm etwas über seine verlorene Liebe erzählen können. Der Schäfer glaubt an die heilende Kraft der Natur und hofft, dass sie ihm helfen wird, seine Liebe wiederzufinden. Der Schäfer ist schon viele Nächte allein umhergewandert und hat mit den Sternen gesprochen, aber ihre Geheimnisse bleiben ihm verborgen. Er glaubt jedoch, dass diejenigen, die ihnen nahe stehen, ihre Bedeutung verstehen werden. Der Schäfer möchte seiner Liebe all die Dinge erzählen, die er gehört hat, aber er wird sie für sich behalten, bis er sie ihr beibringen kann. Er hofft auf eine glückliche Zukunft, in der sie sich gegenseitig angehören werden.

Schlüsselwörter

nacht kommt wind kind fand schweigen einmal kühlen

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Fand dich nicht zu Hause bei den Eltern, Fand dich nicht bei mir
Metapher
Du, nur du, mein Engel
Personifikation
Berge starren, dunkle Wälder rauschen