Der Himmel
1760Sechs Fromme von verschiedner Innung Doch gleich unsträflicher Gesinnung Begegnen, wo nicht Zeit noch Raum Mehr engt, sich - an des Himmels Saum.
Schnell blizt der Eingang aufgeschloßen, Und von Verklärungsglanz umfloßen Tritt mild ein Genius heran Und fragt: Wer Du? - »Ein Muselman.«
Ins Paradies dort, wo die Frommen Zu mehr als Machmuds Lichte kommen! - Und Du? - »Ein Jud.« - Im Tempelchor Singt Assaff dort erwählten vor.
Und Du, der wundernd steht, als mahn′ er Des Irrthums mich? - »Ein Lutheraner!« - Geh aufzuklären Deinen Sinn Zum schon belehrten Pastor hin.
Du denn? - »Ein Quäker.« - Abgeschieden Sind Deine Brüder dort im Frieden. Behalt den Hut auf wenns gefällt, Vergnügt mit Penn der beßern Welt.
Und Du dort? - »Ueberführt allmählich Nicht mach′ allein mein Glauben selig. Doch fremd gesteh ich scheinen mir Bei Christen Türk und Jud allhier.«
Wie Schuppen von den Augen fallen Wird bald der Zweifel Dir und allen. Jezt theile Ganganellis Ruh! - Von welcher Kirche bist denn Du?
»Von keiner!« - Anzunehmen wäre Dächt ich doch irgend eine Lehre? - »Daß Einer sei, der alles schafft, Der Gutes lohnet, böses straft,
Und daß Unsterblichkeit der Seele, Die sterbliches verschmäht, nicht fehle. Geglaubt das hab ich und geübt.« - Nimm Platz denn, wo es Dir beliebt.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Himmel" von Heinrich Christian Boie beschreibt eine Szene, in der sechs fromme Menschen verschiedener Glaubensrichtungen am Himmel zusammenkommen. Ein Genius führt sie durch den Eingang ins Paradies und fragt jeden nach seiner Zugehörigkeit. Die Muselmanen, Juden, Lutheraner, Quäker und der letzte Mensch, der keiner bestimmten Kirche angehört, werden alle willkommen geheißen und aufgefordert, ihren Platz im Paradies einzunehmen. Das Gedicht verdeutlicht die Idee, dass im Himmel alle Gläubigen unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit willkommen sind. Es wird betont, dass die grundlegenden Überzeugungen, wie der Glaube an einen einzigen Gott, der das Gute belohnt und das Böse bestraft, sowie die Unsterblichkeit der Seele, wichtiger sind als die konfessionellen Unterschiede auf Erden. Der letzte Mensch, der keiner bestimmten Kirche angehört, wird ebenfalls akzeptiert, solange er an diese grundlegenden Prinzipien glaubt und danach lebt. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine Botschaft der Toleranz und des Zusammenhalts unter den Gläubigen. Es betont, dass im Himmel alle Menschen, unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit, willkommen sind, solange sie an die grundlegenden Prinzipien des Glaubens glauben und danach leben. Das Gedicht fordert die Leser dazu auf, über die konfessionellen Unterschiede hinauszublicken und die Gemeinsamkeiten im Glauben zu erkennen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Nimm Platz denn, wo es Dir beliebt
- Personifikation
- Schnell blizt der Eingang aufgeschloßen