Der Hexenritt
1854In der Sommernacht Der Knecht erwacht, Da sieht er die Mägde geschäftig gehn Und mit Marei am Herde stehn. Mit Salbe beklexen Sich Besen die Hexen, Dann geht es im Saus Zum Schornstein hinaus. Zieht eine fort, So ist ihr Wort: Flieg auf, flieg aus, flieg um, nicht an! Mir nach, mir nach, wers auch so kann! Dann reitet die Hexe Auf Besen-Gezäckse Zum süßen Konnexe, Zum Gänsegeschleckse: Hih hoh, heh heeh! Hahhih, hehheeh! Durch die Lüfte geschwind Wie der sausende Wind. Jetzt meint der Knecht, Das war mir recht! Nimmt einen Stock und sucht im Rauch Die Hexensalbe, und salbt ihn auch. O welch Vergnügen Ihr nach zu fliegen! Die fang ich im Tanz Um den Kessel der Gans! Im Zorn will er fort Und spricht das Wort; Allein anstatt »flieg um, nicht an« Sagt »um und an« der arme Mann. Nun bleibt er nicht stecken, Doch fliegt er zum Schrecken (Er kann sich nicht decken) An Mauern und Ecken, Piff paff, ho heh! Rumm bumm, weh weh! Mit dem Kopf an den Baum: Ihm wird wie im Traum! –
Fort und fort, Von Ort zu Ort: Im Sturm an den Turm, pirr! – klirr! an die Fahn, Er reißt in die Lüfte den Wetterhahn, – Schwirr! pirr! an die Mühle, Ins Flügelgewühle! – Blautz! prallt er ab; Der Kopf fliegt ab; Doch er noch fest Zum Geiernest – Fliegt an – da rupft und zupft ihn vorn, Rechts, links und hinten Klau und Dorn. So wird er verschlissen, Zu Faden zerrissen, Heruntergeschmissen: Es bleibt nicht ein Bissen! – Über Stock und Block Hin fliegt sein Stock Ganz selig allein Zum Hexenverein.
Dort fliegt er an, An Weib und Mann, Man flieht und flüchtet vor ihm her, Stürzt, stolpert hin, die Kreuz und Quer. Man kann sich nicht decken, Es tanzet der Stecken, Fliegt an und um Im Kreis herum. Das Zauberwort Wirkt fort und fort, Wupp wupp, wupp wupp, tipp tapp, tipp tapp! Klitsch klatsch, klitsch klatsch, klipp klapp, klipp klapp! Auch ist so erpicht er Auf Hexengesichter Und nimmer zerbricht er, Bis fort das Gelichter, Ha hih, hoh heh! Hih hoh, heh heh! Bis alles zerstäubt, Und nichts mehr bleibt.
Wie Schaum und Faum Zerrinnt der Traum. Von neuem erwacht der gute Knecht Und reibt die Augen und wacht erst recht: Da scheint die Sonne, O Freud, o Wonne! Weg ist der Tanz, Er fühlt sich ganz! Und welch ein Spaß, Er liegt im Gras: Marei hat Essen ihm gebracht, Klopft in die Hand und steht und lacht: »Was muß ich ersehen? Statt fleißig zu mähen, Im Schlafe sich drehen, In der Sonne sich bähen!« Ha, hi, ho, hei, Komm Hexe Marei! Den Traum er vergißt Und küßt und ißt.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Hexenritt" von August Kopisch erzählt von einem Knecht, der eines Nachts aufwacht und Zeuge wird, wie die Mägde sich mit Hexensalbe einreiben und auf ihren Besen zum nächtlichen Hexensabbat aufbrechen. Neugierig geworden, beschmiert sich der Knecht ebenfalls mit der Salbe und versucht ihnen zu folgen. Doch anstatt des richtigen Zauberwortes "flieg auf, flieg aus, flieg um, nicht an" sagt er "um und an" und muss fortan gegen Mauern, Bäume und Gebäude fliegen, ohne sich schützen zu können. Sein Stock wird zerrissen und zerstört, bevor er schließlich zum Treffpunkt der Hexen zurückkehrt und dort sein Unwesen treibt, bis der Traum zerrinnt. In der Realität erwacht der Knecht wieder und stellt fest, dass alles nur ein Traum war. Die Sonne scheint und er fühlt sich ganz. Marei, vermutlich eine Magd, bringt ihm Essen und lacht über seinen seltsamen Schlaf. Der Knecht vergisst den Traum und küsst und isst, während Marei ihn als "Hexe Marei" bezeichnet. Das Gedicht endet mit einem Augenzwinkern und der Frage, ob Marei vielleicht selbst eine Hexe ist. Das Gedicht verbindet auf unterhaltsame Weise die Themen Hexensabbat, Zauberei und Traum. Es zeigt, wie Neugier und Ungeduld des Knechts zu einem chaotischen und schmerzhaften Erlebnis führen, das am Ende als Traum entlarvt wird. Die humorvolle Auflösung mit Marei deutet an, dass die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen können und dass Hexerei vielleicht auch im realen Leben eine Rolle spielen könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Stürzt, stolpert hin, die Kreuz und Quer
- Anapher
- Flieg auf, flieg aus, flieg um, nicht an!
- Assonanz
- Die fang ich im Tanz / Um den Kessel der Gans
- Hyperbel
- Bis alles zerstäubt, / Und nichts mehr bleibt
- Metapher
- Wie der sausende Wind
- Onomatopoesie
- Piff paff, ho heh! / Rumm bumm, weh weh!
- Personifikation
- Im Zorn will er fort / Und spricht das Wort
- Reim
- Im Zorn will er fort / Und spricht das Wort
- Synästhesie
- Die fang ich im Tanz / Um den Kessel der Gans
- Wiederholung
- Ha hih, hoh heh! / Hih hoh, heh heh!