Der Herbsttag

Johann Heinrich Voß

1751

Die Bäume stehn der Frucht entladen, Und gelbes Laub verweht ins Tal; Das Stoppelfeld in Schimmerfaden Erglänzt am niedern Mittagsstrahl. Es kreist der Vögel Schwarm, und ziehet; Das Vieh verlangt zum Stall, und fliehet Die magern Aun, vom Reife fahl.

O geh am sanften Scheidetage Des Jahrs zu guter Letzt hinaus; Und nenn ihn Sommertag und trage Den letzten schwer gefundnen Strauß. Bald steigt Gewölk, und schwarz dahinter Der Sturm, und sein Genoß, der Winter, Und hüllt in Flocken Feld und Haus.

Ein weiser Mann, ihr Lieben, haschet Die Freuden im Vorüberfliehn, Empfängt, was kommt, unüberraschet, Und pflückt die Blumen, weil sie blühn. Und sind die Blumen auch verschwunden; So steht am Winterherd umwunden Sein Festpokal mit Immergrün.

Noch trocken führt durch Tal und Hügel Der längst vertraute Sommerpfad. Nur rötlich hängt am Wasserspiegel Der Baum, den grün ihr neulich saht. Doch grünt derK amp von Winterkorne; Doch grünt, beim Rot der Hagedorne Und Spillbeern,unsre Lagerstatt!

So still an warmer Sonne liegend, Sehn wir das bunte Feld hinan, Und dort, auf schwarzer Brache pflügend, Mit Lustgepfeif, den Ackermann: Die Krähn in frischer Furche schwärmen Dem Pfluge nach, und schrein und lärmen; Und dampfend zieht das Gaulgespann.

Natur, wie schön in jedem Kleide! Auch noch im Sterbekleid wie schön! Sie mischt in Wehmut sanfte Freude, Und lächelt tränend noch im Gehn. Du, welkes Laub, das niederschauert, Du, Blümchen, lispelst: Nicht getrauert! Wir werden schöner auferstehn! Kamp, ein eingefriedigtes Fruchtfeld.

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Illustration zu Der Herbsttag

Interpretation

Das Gedicht "Der Herbsttag" von Johann Heinrich Voss beschreibt den Übergang vom Sommer zum Herbst und die damit verbundenen Veränderungen in der Natur. Es thematisiert den Lauf der Jahreszeiten, die Vergänglichkeit der Zeit und die Weisheit, die darin liegt, die Schönheit des Augenblicks zu erkennen und zu genießen. Das Gedicht ist in fünf Strophen gegliedert, die jeweils einen bestimmten Aspekt des Herbstes beleuchten. Die erste Strophe schildert das Ende der Erntezeit und den Einzug des Herbstes mit seinen typischen Merkmalen wie fallenden Blättern, reifenden Feldern und ziehenden Vögeln. Die zweite Strophe fordert den Leser auf, noch einmal einen Sommertag zu genießen, bevor der Herbst mit seinen Stürmen und dem nahenden Winter Einzug hält. Die dritte Strophe enthält eine moralische Lehre: Ein weiser Mensch ergreift die Freuden des Lebens, solange sie da sind, und ist auf alles gefasst. Auch wenn die Blumen verblüht sind, gibt es immer noch etwas, das das Herz erfreuen kann, symbolisiert durch den Festpokal mit Immergrün am Winterherd. Die vierte Strophe beschreibt die noch vorhandene Schönheit des Herbstes, mit grünenden Winterkörnern und den roten Beeren der Hagedorne und Spillbeeren. Die letzte Strophe zeigt den Ackermann bei der Arbeit auf dem Feld, umgeben von Krähen, die ihm folgen. Sie endet mit einer Ode an die Natur, die auch im Sterbekleid noch schön ist und Trost spendet. Das welke Laub und die kleinen Blumen flüstern, dass sie schöner auferstehen werden, was auf die Hoffnung auf neues Leben nach dem Tod hindeutet.

Schlüsselwörter

laub tal feld blumen grünt schön bäume stehn

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Stilmittel

Alliteration
Der Herbsttag
Hyperbel
Den letzten schwer gefundnen Strauß
Metapher
Wir werden schöner auferstehn
Personifikation
Du, welkes Laub, das niederschauert
Symbolik
Das Stoppelfeld in Schimmerfaden