Der Hengert

Conrad Ferdinand Meyer

1882

Vater Lucas sprach beim Frühstück: “Heute, Herr, ist hier ein Hengert!” Und ich fragte: “Was ist Hengert?” Mich belehrte Vater Lucas: “Hengert, Herr, bedeutet Reigen, Ball und Sprung und Fussgezappel In der Sprache der Grisonen, Und Ihr möchtet böse schlummern, Sucht Ihr heut nicht stillre Ruhstatt!” “Vater Lucas, keine Sorge! Hab ich erst mich müd gewandert, Schlief ich auch in einem Meersturm!”

Freudig nahm ich meinen Bergstock Stieg hinan die saftgen Weiden, Wo sich tummeln braune Fohlen, Durch bewegliches Gerölle Klomm ich auf zum selgen Gipfel, Den mit leichtem Kuss berühren Heimatlose Wanderwolken.

Müde kehrt ich heim ins Berghaus Um die Zeit der ersten Lichter. Vor der Pforte stand ein Häuflein, In der Mitte Musikanten, Rechts die Bursche, links die Mädchen, Doch kein Scherzwort flog herüber, Und hinüber flog kein Trutzwort. Lässig mit gekreuzten Armen Standen sie geschieden, feindlich Sich mit dunkeln Blicken messend.

Und ich stieg in meine Kammer, Legte mich getrost zur Ruhe. Bald erklang Musik piano, Allgemach begann der Hengert, Sachte schritt er, schläfrig schleift er, Wie Geschlurfe von Pantoffeln. Heimlich spottet ich der trägen Füsse, der bequemen Herzen Im Gebirge der Grisonen Und versank in süssen Schlummer …

Horch! Ein Ton, ein feurig greller, Schlägt empor wie eine Flamme! Jach erhitzen sich die Bleche Und die Geige streicht ein Dämon! Mir zur Rechten, mir zur Linken, Mir zu Häupten, mir zu Füssen, Ungezügelt, ungebändigt, Erderschütternd stampft der Reigen, Immer lauter, wilder, toller Tobt und rast und dröhnt und tritt er, Dass erbeben alle Balken. Tosend sausten durch die Lüfte Berghaus, Hengert, Folterkammer, Wie voreinst die hochgelobte Casa santa durch die Lüfte Fuhr von Istrien nach Loretto, Doch von Engeln sie getragen, Ich von höllischen Gewalten An den Sabbat auf dem Blocksberg …

Also ging es bis zum Morgen, Da die heilge Frühe löschte Stern an Stern am ewgen Leuchter Über schwarzen Tannenbergen. Lechzend öffnet ich das Fenster, Einzuschlürfen Morgenlüfte, Abzukühlen die zertanzte, Fieberschwüle Stirn im Winde … Wagen rollten in die Ferne, Trugen fort die letzten Gäste. Unterm Vordach ein Geflüster - Ein aus tiefster Brust geseufztes, Ein aus tiefster Brust erwidert Leidenschaftliches Addio …

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Illustration zu Der Hengert

Interpretation

Das Gedicht "Der Hengert" von Conrad Ferdinand Meyer beschreibt die Erfahrung eines Wanderers, der durch einen Dorfbewohner auf einen "Hengert" aufmerksam gemacht wird, ein Fest mit Musik und Tanz in der Sprache der Grisonen. Der Wanderer steigt zunächst auf einen Berg, um die Aussicht zu genießen, und kehrt dann in sein Berghaus zurück, um sich auszuruhen. Er hört die Musik und den Tanz von oben und verspottet die trägen und bequemen Herzen im Gebirge, bevor er in einen süßen Schlaf fällt. Plötzlich wird die Musik lauter und wilder, und der Wanderer fühlt sich von den Klängen in eine Art Höllenqual versetzt. Er vergleicht die Situation mit der Legende der Casa santa, die von Engeln von Istrien nach Loretto getragen wurde, aber in seinem Fall von höllischen Gewalten auf den Blocksberg, einen mythologischen Ort für Hexensabbate. Die Nacht zieht sich hin, bis der Morgen anbricht und die Sterne am ewigen Leuchter über den schwarzen Tannenbergen erlöschen. Der Wanderer öffnet das Fenster, um die Morgenluft einzuatmen und seine fieberschwüle Stirn im Wind zu kühlen. Er hört Wagen in die Ferne rollen, die die letzten Gäste fortbringen, und hört ein Geflüster unter dem Vordach, ein seufzendes und leidenschaftliches "Addio" aus tiefer Brust. Das Gedicht beschreibt die Erfahrung des Wanderers, der zunächst skeptisch und überlegen gegenüber dem Dorffest ist, sich aber schließlich von der Musik und dem Tanz mitreißen lässt und in eine Art Höllenqual versetzt wird, bevor er am Morgen erlöst wird.

Schlüsselwörter

hengert vater lucas herr reigen grisonen stieg berghaus

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Stilmittel

Alliteration
Freudig nahm ich meinen Bergstock
Bildsprache
Stern an Stern am ewgen Leuchter über schwarzen Tannenbergen
Hyperbel
Erderschütternd stampft der Reigen
Kontrast
Rechts die Bursche, links die Mädchen
Metapher
Wie Geschlurfe von Pantoffeln
Personifikation
Heimatlose Wanderwolken
Symbolik
Bergstock
Vergleich
Wie voreinst die hochgelobte Casa santa durch die Lüfte fuhr von Istrien nach Loretto