Der Heilige

Maria Luise Weissmann

1929

Meine Schritte schreiten mir entwandt, Meine Finger gehen nach der Frau, Doch im Muttergottesmantel stirbt die Hand. Bläue meines Blicks lockt Meer ins Blau, Das in Sturm dem Feind Zerstörung sann, Und das gelbe Haar schwebt segnend überm Weizenfelde des Verfluchten. Ach, da ich mit List die Netze spann Ihn zu stellen, kamen Engel, die mich suchten, Und sie grüßten mich: den Toderretter des Verhaßten, demuthaft. Mord stand rot im Abend um mich her, Doch ich sank ins Aug des Rehs, mir ganz entrafft, Und am Stamm des schmerzenlosen Leibes brach der Speer. So entflohn, - oh Tränen meiner Klage, Milder Sünde sehnend zugesandt! - Schreiten meine Schritte mir entwandt: Steil die weiße Lilie meiner Tage Hält der Gott in seiner harten Hand.

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Illustration zu Der Heilige

Interpretation

Das Gedicht "Der Heilige" von Maria Luise Weissmann erzählt von einem inneren Konflikt zwischen weltlicher Versuchung und spiritueller Reinheit. Die "Schritte" und "Finger" des lyrischen Ichs sind von Begierde und Verführung angezogen, symbolisiert durch die Frau und das Meer, das Zerstörung plant. Doch die Hand des lyrischen Ichs stirbt im "Muttergottesmantel", was auf einen inneren Kampf zwischen fleischlicher Lust und göttlicher Hingabe hindeutet. Das lyrische Ich wird von Engeln gesucht und gegrüßt, die es als "Toderretter des Verhaßten" bezeichnen. Dies deutet darauf hin, dass das Ich trotz seiner sündigen Begierden eine heilige Rolle einnimmt und sogar als Retter angesehen wird. Die "Mord"-Farbe Rot im Abend und der Speer, der am "Stamm des schmerzenlosen Leibes" zerbricht, könnten auf eine Passion oder ein Martyrium hindeuten, bei dem das lyrische Ich leidet, aber letztlich gerettet wird. Das Gedicht endet mit einem Appell an die "Tränen meiner Klage" und der Sehnsucht nach "milder Sünde". Das lyrische Ich scheint sich in einem Zustand der Verwirrung und des inneren Konflikts zu befinden, in dem es zwischen der Anziehungskraft der Sünde und dem Wunsch nach Erlösung hin- und hergerissen ist. Die "weiße Lilie meiner Tage", die Gott in seiner "harten Hand" hält, könnte als Symbol für die Reinheit und Unschuld des lyrischen Ichs interpretiert werden, die trotz aller Versuchungen bewahrt bleibt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Kontrast
Milder Sünde sehnend zugesandt
Metapher
Am Stamm des schmerzenlosen Leibes brach der Speer
Personifikation
Meine Schritte schreiten mir entwandt, Meine Finger gehen nach der Frau
Symbolik
Weiße Lilie meiner Tage
Wiederholung
Schreiten meine Schritte mir entwandt