Der Heideknabe
1813Der Knabe träumt, man schicke ihn fort Mit dreißig Talern zum Heideort, Er ward drum erschlagen am Wege Und war doch nicht langsam und träge.
Noch liegt er im Angstschweiß, da rüttelt ihn Sein Meister, und heißt ihm, sich anzuziehn Und legt ihm das Geld auf die Decke Und fragt ihn, warum er erschrecke.
“Ach Meister, mein Meister, sie schlagen mich tot, Die Sonne, sie ist ja wie Blut so rot!” Sie ist es für dich nicht alleine, Drum schnell, sonst mach′ ich dir Beine!
“Ach Meister, mein Meister, so sprachst du schon, Das war das Gesicht, der Blick, der Ton, Gleich greifst du” - zum Stock, will er sagen, Er sagt′s nicht, er wird schon geschlagen.
“Ach Meister, mein Meister, ich geh, ich geh, Bring meiner Frau Mutter das letzte Ade! Und sucht sie nach allen vier Winden, Am Weidenbaum bin ich zu finden!”
Hinaus aus der Stadt! Und da dehnt sie sich, Die Heide, nebelnd, gespenstiglich, Die Winde darüber sausend, “Ach, wär hier ein Schritt, wie tausend!”
Und alles so still, und alles so stumm, Man sieht sich umsonst nach Lebendigem um, Nur hungrige Vögel schießen Aus Wolken, um Würmer zu spießen.
Er kommt ans einsame Hirtenhaus, Der alte Hirt schaut eben heraus, Des Knaben Angst ist gestiegen, Am Wege bleibt er noch liegen.
“Ach Hirte, du bist ja von frommer Art, Vier gute Groschen hab ich erspart, Gib deinen Knecht mir zur Seite, Dass er bis zum Dorf mich begleite!
Ich will sie ihm geben, er trinke dafür Am nächsten Sonntag ein gutes Bier, Dies Geld hier, ich trag es mit Beben, Man nahm mir im Traum drum das Leben!”
Der Hirt, der winkte dem langen Knecht, Er schnitt sich eben den Stecken zurecht, Jetzt trat er hervor - wie graute Dem Knaben, als er ihn schaute!
“Ach Meister Hirte, ach nein, ach nein, Es ist doch besser, ich geh′ allein!” Der Lange spricht grinsend zum Alten: Er will die vier Groschen behalten.
“Da sind die vier Groschen!” Er wirft sie hin Und eilt hinweg mit verstörtem Sinn. Schon kann er die Weide erblicken, Da klopft ihn der Knecht in den Rücken.
“Du hältst es nicht aus, du gehst zu geschwind, Ei, Eile mit Weile, du bist ja noch Kind, Auch muss das Geld dich beschweren, Wer kann dir das Ausruhn verwehren!
Komm, setz dich unter den Weidenbaum Und dort erzähl mir den hässlichen Traum, Mir träumte - Gott soll mich verdammen, Trifft′s nicht mit deinem zusammen!”
Er fasst den Knaben wohl bei der Hand, Der leistet auch nimmermehr Widerstand, Die Blätter flüstern so schaurig, Das Wässerlein rieselt so traurig!
“Nun sprich, du träumtest - “Es kam ein Mann -” “War ich das? Sieh mich doch näher an, Ich denke, du hast mich gesehen! Nun weiter, wie ist es geschehen?”
“Er zog ein Messer!” - “War das, wie dies?” - “Ach ja, ach ja!” - “Er zog′s?” - “Und stieß -” “Er stieß dir′s wohl so durch die Kehle? Was hilft es auch, dass ich dich quäle!”
Und fragt ihr, wies weiter gekommen sei? So fragt zwei Vögel, sie saßen dabei, Der Rabe verweilte gar heiter, Die Taube konnte nicht weiter!
Der Rabe erzählt, was der Böse noch tat, Und auch, wies der Henker gerochen hat, Die Taube erzählt, wie der Knabe Geweint und gebetet habe.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Heideknabe" von Friedrich Hebbel erzählt die tragische Geschichte eines jungen Burschen, der einen unheilvollen Traum hat. In diesem Traum wird er auf dem Weg zu einem Heideort mit dreißig Talern von einem Mann erschlagen. Als er seinem Meister von diesem Traum berichtet, wird er nur ausgelacht und zur Eile getrieben. Der Knabe bittet darum, sich von seiner Mutter verabschieden zu dürfen, und prophezeit, dass man ihn am Weidenbaum finden werde. Auf der Heide angekommen, sucht der ängstliche Knabe Schutz bei einem alten Hirten und bietet vier Groschen, damit ein Knecht ihn zum Dorf begleitet. Doch der Knecht will das Geld nicht annehmen und folgt dem Knaben stattdessen. Unter dem Weidenbaum fordert der Knecht den Knaben auf, ihm den Traum zu erzählen. Als der Knabe beginnt, von dem Mann mit dem Messer zu erzählen, erkennt er in dem Knecht den Mörder aus seinem Traum wieder. Der Knecht bestätigt die grausame Prophezeiung und ersticht den Knaben. Das Gedicht endet mit einem Vergleich zu zwei Vögeln, einem Raben und einer Taube, die die grausame Tat des Mörders und das Weinen und Beten des Knaben bezeugen. Der Heideknabe ist somit ein düsteres und beklemmendes Werk, das die Unausweichlichkeit des Schicksals und die Grausamkeit der Welt thematisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Eile mit Weile
- Bildsprache
- Die Winde darüber sausend
- Direkte Rede
- Ach Meister, mein Meister, sie schlagen mich tot
- Hyperbel
- Man nahm mir im Traum drum das Leben
- Ironie
- Gott soll mich verdammen, Trifft's nicht mit deinem zusammen!
- Kontrast
- Der Rabe verweilte gar heiter, Die Taube konnte nicht weiter
- Metapher
- Die Sonne, sie ist ja wie Blut so rot
- Personifikation
- Die Heide, nebelnd, gespenstiglich
- Spannungsaufbau
- Jetzt trat er hervor - wie graute Dem Knaben, als er ihn schaute!
- Symbolik
- Weidenbaum
- Vergleich
- wie tausend
- Wiederholung
- Ach Meister, mein Meister