Der Handschuh

Friedrich von Schiller

1750

Vor seinem Löwengarten, Das Kampfspiel zu erwarten, Saß König Franz, Und um ihn die Großen der Krone, Und rings auf hohem Balkone Die Damen in schönem Kranz.

Und wie er winkt mit dem Finger, Auf tut sich der weite Zwinger, Und hinein mit bedächtigem Schritt Ein Löwe tritt, Und sieht sich stumm Rings um, Mit langem Gähnen, Und schüttelt die Mähnen, Und streckt die Glieder, Und legt sich nieder.

Und der König winkt wieder, Da öffnet sich behend Ein zweites Tor, Daraus rennt Mit wildem Sprunge Ein Tiger hervor. Wie der den Löwen erschaut, Brüllt er laut, Schlägt mit dem Schweif Einen furchtbaren Reif, Und recket die Zunge, Und im Kreise scheu Umgeht er den Leu Grimmig schnurrend; Drauf streckt er sich murrend Zur Seite nieder. Und der König winkt wieder, Da speit das doppelt geöffnete Haus Zwei Leoparden auf einmal aus, Die stürzen mit mutiger Kampfbegier Auf das Tigertier, Das packt sie mit seinen grimmigen Tatzen, Und der Leu mit Gebrüll Richtet sich auf, da wirds still, Und herum im Kreis, Von Mordsucht heiß, Lagern die greulichen Katzen.

Da fällt von des Altans Rand Ein Handschuh von schöner Hand Zwischen den Tiger und den Leun Mitten hinein. Und zu Ritter Delorges spottenderweis Wendet sich Fräulein Kunigund: “Herr Ritter, ist Eure Lieb so heiß, Wie Ihr mirs schwört zu jeder Stund, Ei, so hebt mir den Handschuh auf.”

Und der Ritter in schnellem Lauf Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger Mit festem Schritte, Und aus der Ungeheuer Mitte Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen Sehens die Ritter und Edelfrauen, Und gelassen bringt er den Handschuh zurück. Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde, Aber mit zärtlichem Liebesblick - Er verheißt ihm sein nahes Glück - Empfängt ihn Fräulein Kunigunde. Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht: “Den Dank, Dame, begehr ich nicht”, Und verläßt sie zur selben Stunde.

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Illustration zu Der Handschuh

Interpretation

Das Gedicht "Der Handschuh" von Friedrich von Schiller erzählt die Geschichte eines Ritters, der mutig einen Handschuh aus einem Löwengarten holt, um die Gunst einer Dame zu gewinnen. Der König und seine Gefolgschaft beobachten das Spektakel, bei dem Löwen, Tiger und Leoparden in einem Käfig aufeinandertreffen. Als ein Handschuh von einer Dame auf den Boden fällt, fordert sie den Ritter auf, ihn aufzuheben. Der Ritter springt in den Käfig, holt den Handschuh und bringt ihn zurück. Anstatt den Handschuh der Dame zu überreichen, wirft er ihn ihr ins Gesicht und verlässt sie. Das Gedicht kritisiert die Oberflächlichkeit und Unaufrichtigkeit der höfischen Liebe. Die Dame fordert den Ritter auf, den Handschuh aufzuheben, um seine Liebe zu beweisen, aber als er dies tut, lehnt sie seine Zuneigung ab. Der Ritter erkennt, dass die Liebe der Dame nicht echt ist und verlässt sie. Das Gedicht zeigt, dass wahre Liebe nicht durch äußere Handlungen oder Geschenke bewiesen werden kann, sondern durch aufrichtige Gefühle und Taten. Die Struktur des Gedichts ist in vier Strophen gegliedert, wobei die erste Strophe die Szene im Löwengarten beschreibt, die zweite Strophe den Handschuh fallen lässt und die dritte Strophe den Ritter auffordert, den Handschuh aufzuheben. Die vierte Strophe beschreibt die Reaktion des Ritters und seinen Abschied von der Dame. Die Sprache des Gedichts ist sehr bildhaft und dramatisch, was die Spannung und Dramatik der Szene verstärkt. Das Gedicht ist ein Beispiel für die klassische Literatur des 18. Jahrhunderts, die sich mit Themen wie Liebe, Ehre und Ritterlichkeit befasst. Es zeigt auch die Bedeutung von Mut und Tapferkeit in der Gesellschaft des Mittelalters. Das Gedicht ist bis heute ein beliebtes Werk der deutschen Literatur und wird oft in Schulen und Universitäten als Beispiel für die klassische Dichtung studiert.

Schlüsselwörter

handschuh ritter könig winkt rings finger zwinger hinein

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Stilmittel

Alliteration
Mit 'langem Gähnen' und 'schüttelt die Mähnen'.
Bildsprache
Die detaillierte Beschreibung der Tiere und ihrer Bewegungen schafft lebendige Bilder.
Enjambement
Die Zeilen 'Und wie er winkt mit dem Finger, Auf tut sich der weite Zwinger' fließen ohne Unterbrechung weiter.
Hyperbel
Die übertriebene Beschreibung der Tiere und ihrer Handlungen.
Ironie
Der Ritter Delorges wirft den Handschuh nach der Tat Kunigund ins Gesicht und verlässt sie.
Kontrast
Der Mut des Ritters im Gegensatz zur Gefahr der Löwen und Tiger.
Metapher
Die 'großen der Krone' beziehen sich auf die mächtigen Personen um den König.
Personifikation
Der Löwe 'sieht sich stumm', 'schüttelt die Mähnen', 'streckt die Glieder' und 'legt sich nieder'.
Reimschema
Das Gedicht folgt einem regelmäßigen Reimschema, das zur musikalischen Qualität beiträgt.
Symbolik
Der Handschuh symbolisiert die Herausforderung und die Liebe.