Der Halligmatrose
1902Kaptain, ich bitt’ euch, laßt mich fort, O lasset mich frei, sonst lauf ich von Bord, Ich muß heim, muß heim nach der Hallig! Schon sind vergangen drei ganze Jahr, Daß ich stets zu Schiff, daß ich dort nicht war, Auf der Hallig, der lieben Hallig.
Nein, Jasper, nein, das sag’ ich dir, Noch diese Reise machst du mit mir, Dann darfst du gehn nach der Hallig. Doch sage mir, Jasper, was willst du dort? Es ist ein so öder, armseliger Ort, Die kleine, einsame Hallig.
Ach, mein Kapitän, dort ist’s wohl gut, Und an keinem Ort wird mir so zumut, So wohl als auf der Hallig; Und mein Weib hat um mich manch traurige Nacht, Hab’ so lang nicht gesehn, wie mein Kind mir gelacht Und Haus und Hof auf der Hallig.
Es ist gekommen ein böser Tag, Ein böser Tag für die Hallig; Eine Sturmflut war wie nie vorher, Und das Meer, das wildaufwogende Meer, Hoch ging es über die Hallig.
Doch sollst du nicht hin, vorbei ist die Not, Dein Weib ist tot, und dein Kind ist tot, Ertrunken beid’ auf der Hallig. Auch die Schafe und Lämmer sind fortgespült, Auch dein Haus ist fort, deine Wurt zerwühlt; Was wolltest du tun auf der Hallig?
Ach Gott, Kapitän, ist das geschehn! Alles soll ich nicht wiedersehn, Was lieb mir war auf der Hallig? Und ihr fragt mich noch, was ich dort will tun? Will sterben und im Grase ruhn Auf der Hallig, der lieben Hallig.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Halligmatrose" von Hermann Ludwig Allmers erzählt die tragische Geschichte eines Seemanns namens Jasper, der verzweifelt nach Hause auf die Hallig zurückkehren möchte. Die Hallig ist eine kleine, einsame Insel in der Nordsee, die anfällig für Sturmfluten ist. Jaspers Sehnsucht nach seiner Heimat und seiner Familie wird durch den Kapitän gebremst, der ihn zunächst zur Weiterfahrt zwingt. Als der Kapitän erfährt, dass Jaspers Frau und Kind bei einer verheerenden Sturmflut ertrunken sind und auch Haus und Hof zerstört wurden, versucht er ihn von einer Rückkehr abzuhalten. Er argumentiert, dass es keinen Grund mehr gebe, auf die Hallig zurückzukehren, da alles, was Jasper lieb und teuer war, verloren ist. Doch Jaspers Wille, auf die Hallig zurückzukehren, ist ungebrochen. Er sehnt sich danach, an dem Ort zu sterben und begraben zu werden, der ihm so viel bedeutet hat. Das Gedicht vermittelt eindringlich die tiefe Verbundenheit des Menschen mit seiner Heimat und seiner Familie, selbst angesichts des Verlusts und der Tragödie.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Daß ich stets zu Schiff, daß ich dort nicht war
- Hyperbel
- Eine Sturmflut war wie nie vorher
- Ironie
- Doch sollst du nicht hin, vorbei ist die Not
- Kontrast
- Nein, Jasper, nein, das sag' ich dir, Noch diese Reise machst du mit mir, Dann darfst du gehn nach der Hallig
- Metapher
- Was wolltest du tun auf der Hallig?
- Personifikation
- Und das Meer, das wildaufwogende Meer
- Wiederholung
- Auf der Hallig, der lieben Hallig