Der Halbmond glänzet am Himmel
1827Der Halbmond glänzet am Himmel, Und es ist neblicht und kalt. Gegrüßt sei du Halber dort oben, Wie du, bin ich einer, der halb.
Halb gut, halb übel geboren, Und dürftig in beider Gestalt, Mein Gutes ohne Würde, Das Böse ohne Gewalt.
Halb schmeckt ich die Freuden des Lebens, Nichts ganz als meine Reu; Die ersten Bissen genossen, Schien alles mir einerlei.
Halb gab ich mich hin den Musen, Und sie erhörten mich halb; Hart auf der Hälfte des Lebens Entflohn sie und ließen mich alt.
Und also sitz ich verdrossen, Doch läßt die Zersplitterung nach; Die leere Hälfte der Seele Verdrängt die noch volle gemach.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Halbmond glänzet am Himmel" von Franz Grillparzer handelt von der Zerrissenheit und Unvollständigkeit des lyrischen Ichs. Der Sprecher identifiziert sich mit dem Halbmond, der am Himmel leuchtet, und sieht sich selbst als "einer, der halb" ist – weder vollständig gut noch vollständig schlecht, weder vollständig erfolgreich noch vollständig gescheitert. Diese Halbheit durchzieht alle Aspekte seines Lebens, von seiner Geburt über seine Erfahrungen bis hin zu seinen künstlerischen Ambitionen. Das lyrische Ich beschreibt seine Lebensumstände als "dürftig in beider Gestalt", wobei das Gute ohne Würde und das Böse ohne Gewalt ist. Es hat nur halb die Freuden des Lebens genossen und nichts ganz außer seiner Reue. Die ersten Bissen des Lebens schienen ihm alles gleich, was auf eine gewisse Gleichgültigkeit oder Resignation hindeutet. Auch seine Hingabe an die Musen, die Quelle der Inspiration und Kreativität, blieb halbherzig und unvollständig. Als er sich ihnen zuwandte, erhörten sie ihn nur halb, und als er die Hälfte seines Lebens erreicht hatte, verließen sie ihn und ließen ihn alt zurück. Trotz der überwiegend negativen und resignativen Stimmung des Gedichts gibt es am Ende einen Hoffnungsschimmer. Das lyrische Ich sitzt verdrossen da, aber die Zersplitterung lässt nach. Die leere Hälfte der Seele verdrängt die noch volle gemach, was darauf hindeutet, dass das Ich langsam die Leere überwindet und sich auf die noch vorhandene Fülle konzentriert. Dies könnte als ein Prozess der Selbstheilung und des Findens von innerem Frieden interpretiert werden, trotz der anhaltenden Unvollständigkeit und Zerrissenheit des Lebens.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Antithese
- Mein Gutes ohne Würde, Das Böse ohne Gewalt
- Chiasmus
- Die ersten Bissen genossen, Schien alles mir einerlei
- Hyperbel
- Halb gab ich mich hin den Musen
- Ironie
- Und sie erhörten mich halb
- Kontrast
- Halb gut, halb übel geboren
- Metapher
- Der Halbmond glänzet am Himmel
- Parallelismus
- Halb schmeckt ich die Freuden des Lebens, Nichts ganz als meine Reu
- Personifikation
- Die Musen erhörten mich halb
- Symbolik
- Der leere Hälfte der Seele
- Vergleich
- Wie du, bin ich einer, der halb