Der gütige Besuch

Christian Fürchtegott Gellert

1746

Ein offner Kopf, ein muntrer Geist, Kurz, einer von den feinen Leuten, Die ihr Beruf zu Neuigkeiten Nie denken, ewig reden heißt; Die mit Gewalt es haben wollen, Daß Kluge närrisch werden sollen; Ein solcher Schwätzer trat herein, Dem Dichter den Besuch zu geben. “O!” rief er, “welch ein traurig Leben! Wie? schlafen Sie denn nicht bei ihren Büchern ein? So sind Sie denn so ganz allein, Und müssen gar vor Langerweile lesen? Ich dacht es wohl, drum kam ich so geschwind.”

“Ich bin”, sprach der Poet, “noch nie allein gewesen Als seit der Zeit, da sie zugegen sind.”

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Interpretation

Das Gedicht "Der gütige Besuch" von Christian Fürchtegott Gellert beschreibt einen Besuch eines Schwätzers beim Dichter. Der Besucher wird als offener, munterer Geist dargestellt, der ständig neue Neuigkeiten erzählen will und andere dazu bringen möchte, närrisch zu werden. Er tritt in die Wohnung des Dichters ein, um ihm einen Besuch abzustatten. Der Schwätzer beklagt das traurige Leben des Dichters, der ständig allein mit seinen Büchern ist und aus Langeweile lesen muss. Er ist überrascht, dass der Dichter nicht schon längst eingeschlafen ist. Der Besucher meint, er habe es sich gedacht und sei deshalb so schnell gekommen. Der Dichter antwortet daraufhin, dass er nie allein gewesen sei, seitdem der Schwätzer bei ihm ist. Damit bringt er zum Ausdruck, dass er sich durch das ständige Reden des Besuchers gestört und in seiner Arbeit behindert fühlt. Das Gedicht kritisiert die Art von Besuchern, die ungefragt kommen und den Gastgeber mit ihrem Geschwätz belästigen.

Schlüsselwörter

nie allein offner kopf muntrer geist kurz feinen

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Stilmittel

Hyperbel
Die mit Gewalt es haben wollen, / Daß Kluge närrisch werden sollen
Ironie
Die ihr Beruf zu Neuigkeiten / Nie denken, ewig reden heißt
Kontrast
Ich bin", sprach der Poet, "noch nie allein gewesen / Als seit der Zeit, da sie zugegen sind.
Metapher
Ein offner Kopf, ein muntrer Geist
Personifikation
Ein solcher Schwätzer trat herein
Rhetorische Frage
O! rief er, "welch ein traurig Leben! / Wie? schlafen Sie denn nicht bei ihren Büchern ein?