Der großmüthige Herr und seine Sklaven
1754Auf dem Aegäermeer wird einst ein Handelsmann Von einem schnellen Sturm ergriffen. Er wendet sich, so gut er kann, Und darf nur langsam seitwärts schiffen. Allein es mehret sich die Noth, Er und die meisten Sklaven klagen; Die alten hoffen auf den Tod, Die jungen melden sich, die Rettung noch zu wagen; Nur halten sie dafür um ihre Freiheit an, Doch die wird allen abgeschlagen.
Bald aber reißt der Sturm Mast, Stamm und Segel nieder. Da ruft er: Freunde, fasset Muth! Wir sinken; doch ich bin euch gut; Ich geb′ euch jetzt die Freiheit wieder.
Wie kriechend äußert sich gemeiner Seelen Güte! Wer karg ist, bleibt′s bis in den Tod, In jedem Stand, im Glück, in Noth, Und nichts erhöhet sein Gemüthe.
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Interpretation
Das Gedicht "Der großmüthige Herr und seine Sklaven" von Friedrich von Hagedorn erzählt die Geschichte eines Kaufmanns, der mit seinen Sklaven auf dem Ägäischen Meer in einen Sturm gerät. Zunächst werden die Sklaven um ihre Freiheit betrogen, als sie sich bereit erklären, die Rettung des Schiffes zu wagen. Doch als die Situation aussichtslos erscheint und das Schiff zu sinken droht, verspricht der Kaufmann ihnen im Todeskampf die Freiheit. Das Gedicht kritisiert die falsche Großzügigkeit des Kaufmanns, der erst dann bereit ist, seinen Sklaven die Freiheit zu geben, wenn er ohnehin nichts mehr zu verlieren hat. Die letzte Strophe verdeutlicht, dass wahre Güte und Großzügigkeit nicht erst im Angesicht des Todes zum Vorschein kommen sollten, sondern ein ständiger Bestandteil des Charakters sein müssen. Der Kaufmann wird als knauserig und geizig dargestellt, der auch in der Not nicht bereit ist, etwas von seinem Besitz abzugeben. Hagedorn nutzt das Schicksal der Sklaven und die Heuchelei des Kaufmanns, um eine allgemeinere Botschaft über die menschliche Natur zu vermitteln. Das Gedicht regt zum Nachdenken über die wahre Natur von Großzügigkeit und Selbstlosigkeit an und fordert den Leser auf, über sein eigenes Verhalten nachzudenken. Es ist eine Kritik an der Oberflächlichkeit und Falschheit, die oft hinter scheinbarer Großzügigkeit steckt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Generalisierung
- Wer karg ist, bleibt′s bis in den Tod, In jedem Stand, im Glück, in Noth
- Hyperbel
- Allein es mehret sich die Noth
- Ironie
- Ich geb′ euch jetzt die Freiheit wieder
- Kontrast
- Die alten hoffen auf den Tod, Die jungen melden sich, die Rettung noch zu wagen
- Metapher
- Auf dem Aegäermeer wird einst ein Handelsmann von einem schnellen Sturm ergriffen
- Personifikation
- Der Sturm ergreift den Handelsmann
- Vergleich
- Wie kriechend äußert sich gemeiner Seelen Güte