Der große Krebs im Mohriner See

August Kopisch

1913

Die Stadt Mohrin hat immer acht, Kuckt in den See bei Tag und Nacht. Kein gutes Christenkind erlebs, Daß los sich reiß der große Krebs! Er ist im See mit Ketten geschlossen unten an, Weil er dem ganzen Lande Verderben bringen kann. Man sagt: er ist viel Meilen groß Und wendt sich oft und, kommt er los, So währts nicht lang, er kommt ans Land: Ihm leistet keiner Widerstand. Und weil das Rückwärtsgehen bei Krebsen alter Brauch, So muß dann alles mit ihm zurücke gehen auch.

Das wird ein Rückwärtsgehen sein! Steckt einer was ins Maul hinein, So kehrt der Bissen, vor dem Kopf, Zurück zum Teller und zum Topf. Das Brot wird wieder zu Mehle, das Mehl wird wieder Korn – Und alles hat beim Gehen den Rücken dann nach vorn.

Der Balken löst sich aus dem Haus Und rauscht als Baum zum Wald hinaus, Der Baum kriecht wieder in den Keim, Der Ziegelstein wird wieder Leim. Der Ochse wird zum Kalbe, das Kalb geht nach der Kuh, Die Kuh wird auch zum Kalbe, so geht es immerzu!

Zur Blume kehrt zurück das Wachs, Das Hemd am Leibe wird zu Flachs, Der Flachs wird wieder blauer Lein Und kriecht dann in den Acker ein. Man sagt, beim Bürgermeister zuerst die Not beginnt, Der wird von allen Leuten zuerst ein Päppelkind.

Dann muß der edle Rat daran, Der wohlgewitzte Schreiber dann; Die erbgesessne Bürgerschaft Verliert gemach die Bürgerkraft. Der Rektor in der Schule wird wie ein Schülerlein, Kurz eines nach dem andern wird Kind und dumm und klein.

Und alles kehrt im Erdenschoß Zurück zu Adams Erdenkloß. Am längsten hält was Flügel hat, Doch wird zuletzt auch dieses matt, Die Henne wird zum Küchlein, das Küchlein kriecht ins Ei, Das schlägt der große Krebs dann mit seinem Schwanz entzwei.

Zum Glücke kommts wohl nie so weit! Noch blüht die Welt in Fröhlichkeit! Die Obrigkeit hat wacker acht, Daß sich der Krebs nicht locker macht. Auch für dies arme Liedchen wär das ein schlechtes Glück: Es lief vom Mund der Leute ins Dintenfaß zurück.

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Illustration zu Der große Krebs im Mohriner See

Interpretation

Das Gedicht "Der große Krebs im Mohriner See" von August Kopisch handelt von einem riesigen Krebs, der im Mohriner See gefangen gehalten wird, um das Land vor Verderben zu bewahren. Der Krebs symbolisiert eine zerstörerische Kraft, die, wenn sie entfesselt wird, die gesamte Schöpfung in umgekehrter Reihenfolge wieder zurück in ihre Ursprünge führen würde. Dies wird in einer Reihe von absurden und grotesken Bildern dargestellt, die zeigen, wie alles Lebendige und Unbelebte rückwärts altert und sich auflöst. Die Erzählung des Gedichts ist von einer düsteren Ironie durchzogen, die sich in der Beschreibung der Auswirkungen des Krebses auf die Gesellschaft und die Natur zeigt. Die soziale Ordnung wird umgekehrt, wobei die Mächtigen zu Kindern werden und das Wissen verloren geht. Die Natur durchläuft einen Prozess der Rückentwicklung, bei dem aus fertigen Produkten wieder Rohstoffe werden. Diese Umkehrung des natürlichen und gesellschaftlichen Fortschritts wird als Albtraum dargestellt, der durch die Wachsamkeit der Obrigkeit gerade noch abgewendet wird. Die Schlusszeilen des Gedichts bringen eine Erleichterung darüber zum Ausdruck, dass diese apokalyptische Vision nicht eintritt. Die Welt bleibt in ihrer gewohnten Ordnung, und die Obrigkeit sorgt dafür, dass der Krebs gefangen bleibt. Das Gedicht endet mit einem selbstreferenziellen Scherz, der besagt, dass das Gedicht selbst, wenn die Welt rückwärts gehen würde, wieder ins Tintenfass zurückkehren würde, aus dem es geschrieben wurde. Dies unterstreicht die Vergänglichkeit und die Abhängigkeit der Kunst von der Beständigkeit der Welt und ihrer Ordnung.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Rückwärtsgehen bei Krebsen alter Brauch
Bildsprache
Das Brot wird wieder zu Mehle, das Mehl wird wieder Korn
Hyperbel
Man sagt: er ist viel Meilen groß
Kontrast
Zum Glücke kommts wohl nie so weit! / Noch blüht die Welt in Fröhlichkeit!
Metapher
Der große Krebs im Mohriner See
Personifikation
Die Stadt Mohrin hat immer acht
Reimschema
acht / Nacht, groß / los, Haus / hinaus, etc.
Symbolik
Der Krebs als Symbol für Zerstörung und Rückgang