Der Grenzsoldat
1806Am Pestkordon der Grenzsoldat Mit der Muskete steht, Jenseits des Stroms auf blum’gem Pfad Das Türkenmädchen geht.
Dazwischen hin die Donau zieht, Dem Strom des Todes gleich, Der Sel’ge und Lebend’ge schied Und Erd- und Geisterreich.
Was drüben blüht, was drüben strebt, Ist für die Andern hie, Als wär’s verwelkt längst und verlebt Oder geboren nie.
Die Blumen, die dort drüben stehn, Sie sind so fern für ihn, Als hab’ er sie im Traum gesehn Im Himmelsgarten blühn.
Die goldnen Früchte, die gedrängt Der Fruchthain drüben beut, Für ihn sind sie wie aufgehängt Im Hain der Ewigkeit.
Die Türkenmaid, die dort entlang Des schönen Stroms lustwallt, Für ihn wallt sie der Todten Gang In eines Geists Gestalt.
Das Leuchten ihrer Augen quillt Durch weiße Schleier vor, Ihm sind’s nur Sterne, schimmernd mild Aus weißem Wolkenflor.
Da faßt der Sehnsucht tiefe Macht Des jungen Kriegers Herz, Wie’s zieht in stiller Vollmondnacht Den Wandrer sternenwärts.
Fast meint er einen Blick zu thun In fernes Geisterland, Wenn nicht ganz andre Bilder nun Gar irdisch ihn gemahnt!
Auf raschem Pferd der Spahi Zahl, Die dort vorüberbraust, Daß Staubgewölk und Säbelstrahl Und Hufblitz sie umsaust!
Der Aga, der im Moosdivan Am Strand die Pfeife raucht, Die als Musketenrohr hinan Des Friedens Salven schmaucht!
Da stampft die Flinte der Soldat Zum Grunde unmuthvoll, Daß aus dem Boden am Gestad’ Ein banges Dröhnen scholl!
»O daß ich steh’ bei rüst’gem Leib Hier todt als Grenzepfahl! Wie ein alt Krankenwärterweib Vor einem Pestspital!
Die Brücken schlagt’, ihr Pontonier, Für Wagen und für Roß! Mit Schiffen her, Tschaikisten ihr, Für Mannschaft und für Troß!
Die Schlachten unsrer Väter sind Noch auszukämpfen dort; Ein gutes Christenschwert gewinnt Noch Arbeit fort und fort!
Herr Hauptmann, dort von der Moschee Höhnt uns der halbe Mond; Auf, pflanzt das heil’ge Kreuz zur Höh’, Das drüben würd’ger thront!
Herr Pfaff, manch schönes Haupt umflort In Irrwahns Schleiern seht, Das sich zum Born der Taufe dort Zu beugen brünstig fleht!«
An Wundern schwanger geht die Zeit! Wer hätt’ es wohl gedacht, Daß solch ungläub’ge Türkenmaid So guten Christen macht?
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Grenzsoldat" von Anastasius Grün handelt von einem Grenzsoldaten, der am Ufer der Donau steht und auf das gegenüberliegende Ufer blickt, wo ein türkisches Mädchen spazieren geht. Die Donau symbolisiert die Trennung zwischen den beiden Welten, die als unüberwindbar erscheint. Der Soldat betrachtet die Blumen und Früchte auf der anderen Seite als etwas, das für ihn unerreichbar ist, wie im Traum oder im Himmel. Auch das türkische Mädchen erscheint ihm als Geist oder als Stern, der durch einen Schleier scheint. Der Soldat sehnt sich danach, die Grenze zu überqueren und die andere Welt zu erkunden, aber er wird immer wieder an die Realität erinnert. Die Bilder von Krieg und Gewalt, wie die Spahis auf ihren Pferden oder der Aga mit seiner Pfeife, bringen den Soldaten zurück zur irdischen Welt. Er wünscht sich, dass die Brücken geschlagen und die Schlachten ausgefochten werden, um die Grenze zu überwinden. Er fordert seinen Hauptmann auf, das heilige Kreuz aufzurichten und den halben Mond zu verspotten. Er bittet den Pfaffen, die türkischen Mädchen zu bekehren und zu taufen. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass die Zeit voller Wunder ist und dass das türkische Mädchen den Soldaten zu einem guten Christen gemacht hat. Die Interpretation könnte lauten, dass das Gedicht die Sehnsucht nach dem Fremden und Unbekannten thematisiert und die Schwierigkeit, diese Grenzen zu überwinden. Es zeigt auch die Rolle von Religion und Kultur bei der Gestaltung von Identität und Zugehörigkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- An Wundern schwanger geht die Zeit
- Metapher
- In Irrwahns Schleiern
- Personifikation
- Des Friedens Salven schmaucht
- Vergleich
- So guten Christen macht