Der Graben
1926Mutter, wozu hast Du Deinen aufgezogen, Hast Dich zwanzig Jahr’ um ihn gequält? Wozu ist er Dir in Deinen Arm geflogen, Und Du hast ihm leise was erzählt? Bis sie ihn Dir weggenommen haben Für den Graben, Mutter, für den Graben! Junge, kannst Du noch an Vater denken? Vater nahm Dich oft auf seinen Arm, Und er wollt’ Dir einen Groschen schenken, Und er spielte mit Dir Räuber und Gendarm Bis sie ihn Dir weggenommen haben Für den Graben, Junge, für den Graben!
Werft die Fahnen fort! Die Militärkapellen spielen auf Zu Eurem Todestanz!
Seid Ihr hin? Seid Ihr hin?
Ein Kranz von Immortellen, Das ist dann der Dank des Vaterlands!
Hört auf Todesröcheln und Gestöhne! Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne, Schuften schwer, wie ihr, ums bisschen Leben. Wollt Ihr denen nicht die Hände geben? Reicht die Bruderhand als schönste aller Gaben Übern Graben, Leute, übern Graben!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Graben" von Kurt Tucholsky ist eine scharfe Kritik an den Krieg und seine verheerenden Auswirkungen auf das menschliche Leben. Tucholsky stellt die Sinnlosigkeit des Krieges in Frage, indem er die Opfer der Mütter und Väter thematisiert, die ihre Söhne großgezogen und geliebt haben, nur um sie dann für den Graben, den Schützengraben im Krieg, zu verlieren. Die Wiederholung der Phrase "für den Graben" unterstreicht die Tragödie und die Vergeblichkeit des Opfers. Der Dichter appelliert an die Soldaten, die Fahnen und die militärischen Zeremonien zu vergessen, da sie zu einem "Todestanz" führen. Die rhetorische Frage "Seid Ihr hin?" betont die Endgültigkeit des Todes und die Nutzlosigkeit des Heldentums im Krieg. Der "Kranz von Immortellen" als "Dank des Vaterlands" ist eine ironische Anspielung auf die hohlen Worte der Anerkennung, die den Gefallenen posthum zuteilwerden. Tucholsky fordert die Soldaten auf, die Feindseligkeiten zu beenden und die Hand der Brüderlichkeit über den Graben hinweg zu reichen. Er erinnert sie daran, dass auf der anderen Seite auch Väter, Mütter und Söhne stehen, die ums Überleben kämpfen. Die "schönste aller Gaben" ist laut Tucholsky nicht der Sieg im Krieg, sondern der Frieden und die Versöhnung zwischen den Menschen.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Anapher
- Bis sie ihn Dir weggenommen haben Für den Graben, Junge, für den Graben!
- Apostroph
- Junge, kannst Du noch an Vater denken?
- Aufruf
- Werft die Fahnen fort!
- Kontrast
- Drüben stehen Väter, Mütter, Söhne, Schuften schwer, wie ihr, ums bisschen Leben.
- Metapher
- Zu Eurem Todestanz
- Rhetorische Frage
- Seid Ihr hin?
- Symbolik
- Ein Kranz von Immortellen