Der Gott und die Bajadere
1797(Indische Legende)
Mahadöh, der Herr der Erde, Kommt herab zum sechsten Mal, Daß er unsersgleichen werde, Mitzufühlen Freud und Qual. Er bequemt sich, hier zu wohnen, Läßt sich alles selbst geschehn. Soll er strafen oder schonen, Muß er Menschen menschlich sehn. Und hat er die Stadt sich als Wandrer betrachtet, Die Großen belauert, auf Kleine geachtet, Verläßt er sie abends, um weiterzugehn.
Als er nun hinausgegangen, Wo die letzten Häuser sind, Sieht er, mit gemalten Wangen, Ein verlornes schönes Kind.
Grüß dich, Jungfrau !« - »Dank der Ehre!« Wart, ich komme gleich hinaus.« - Und wer bist du?« -»Bajadere, Und dies ist der Liebe Haus.« Sie rührt sich, die Zimbeln zum Tanze zu schlagen, Sie weiß sich so lieblich im Kreise zu tragen, Sie neigt sich und biegt sich und reicht ihm den Strauß.
Schmeichelnd zieht sie ihn zur Schwelle, Lebhaft ihn ins Haus hinein:
Schöner Fremdling, lampenhelle Soll sogleich die Hütte sein. Bist du müd, ich will dich laben, Lindern deiner Füße Schmerz. Was du willst, das sollst du haben, Ruhe, Freuden oder Scherz.« Sie lindert geschäftig geheuchelte Leiden. Der Göttliche lächelt; er siehet mit Freuden Durch tiefes Verderben ein menschliches Herz.
Und er fordert Sklavendienste; Immer heitrer wird sie nur, Und des Mädchens frühe Künste Werden nach und nach Natur. Und so stellet auf die Blüte Bald und bald die Frucht sich ein; Ist Gehorsam im Gemüte, Wird nicht fern die Liebe sein. Aber, sie wird schärfer und schärfer zu prüfen, Wählet der Kenner der Höhen und Tiefen Lust und Entsetzen und grimmige Pein.
Und er küßt die bunten Wangen, Und sie fühlt der Liebe Qual, Und das Mädchen steht gefangen, Und sie weint zum erstenmal, Sinkt zu seinen Füßen nieder, Nicht um Wollust noch Gewinst, Ach! und die gelenken Glieder, Sie versagen allen Dienst. Und so zu des Lagers vergnüglicher Feier Bereiten den dunklen, behaglichen Schleier Die nächtlichen Stunden, das schöne Gespinst.
Spät entschlummert unter Scherzen, Früh erwacht nach kurzer Rast, Findet sie an ihrem Herzen Tot den vielgeliebten Gast. Schreiend stürzt sie auf ihn nieder; Aber nicht erweckt sie ihn, Und man trägt die starren Glieder Bald zur Flammengrube hin. Sie höret die Priester. die Totengesänge, Sie raset und rennet und teilet die Menge.
Wer bist du? Was drängt zu der Grube dich hin?«
Bei der Bahre stürzt sie nieder, Ihr Geschrei durchdringt die Luft:
Meinen Gatten will ich wieder! Und ich such ihn in der Gruft. Soll zu Asche mir zerfallen Dieser Glieder Götterpracht? Mein! er war es, mein vor allen! Ach, nur Eine süße Nacht!« Es singen die Priester: »Wir tragen die Alten, Nach langem Ermatten und spätem Erkalten, Wir tragen die Jugend, noch eh sie′s gedacht.
Höre deiner Priester Lehre: Dieser war dein Gatte nicht. Lebst du doch als Bajadere, Und so hast du keine Pflicht. Nur dem Körper folgt der Schatten In das stille Totenreich; Nur die Gattin folgt dem Gatten: Das ist Pflicht und Ruhm zugleich. - Ertöne, Drommete, zu heiliger Klage! O nehmet, ihr Götter! die Zierde der Tage, O nehmet den Jüngling in Flammen zu euch!«
So das Chor, das ohn Erbarmen Mehret ihres Herzens Not; Und mit ausgestreckten Armen Springt sie in den heißen Tod. Doch der Götterjüngling hebet Aus der Flamme sich empor, Und in seinen Armen schwebet Die Geliebte mit hervor. Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder; Unsterbliche heben verlorene Kinder Mit feurigen Armen zum Himmel empor.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Gott und die Bajadere" von Johann Wolfgang von Goethe erzählt die Geschichte von Mahadöh, einem göttlichen Wesen, das in menschlicher Gestalt auf die Erde kommt, um die Freuden und Leiden der Menschen zu erfahren. Er beobachtet die Stadt und ihre Bewohner und verlässt sie am Abend, um weiterzuziehen. Dabei begegnet er einer jungen Bajadere, einer Tänzerin, die ihn in ihr Haus einlädt und ihm mit Schmeichelei und Aufmerksamkeit begegnet. Der Gott lässt sich auf ihre Avancen ein und genießt die menschliche Leidenschaft, die sich in der Bajadere entfacht. Die Beziehung zwischen dem Gott und der Bajadere wird immer intensiver, und die junge Frau verliebt sich tief in ihren göttlichen Gast. Doch der Gott, der ihre Liebe auf die Probe stellen will, verlässt sie in der Nacht und lässt sie allein zurück. Als die Bajadere am nächsten Morgen erwacht, findet sie ihn tot in ihren Armen. Verzweifelt wirft sie sich auf den Leichnam und will ihm ins Grab folgen. Die Priester erklären ihr, dass der Tote nicht ihr Gatte war und dass sie als Bajadere keine Pflichten habe. Sie singen ein Totenlied und tragen den Leichnam zur Verbrennung. Die Bajadere springt in die Flammen, um mit ihrem Geliebten zu sterben. Doch der Gott erhebt sich aus dem Feuer und nimmt die Bajadere mit sich in den Himmel, wo sie als reuige Sünderin von den unsterblichen Göttern aufgenommen wird. Das Gedicht endet mit einem Lobgesang auf die göttliche Barmherzigkeit und die Erlösung der verlorenen Kinder.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Großen belauert, auf Kleine geachtet
- Hyperbel
- Läßt sich alles selbst geschehn
- Metapher
- Unsterbliche heben verlorene Kinder mit feurigen Armen zum Himmel empor
- Personifikation
- Der Göttliche lächelt