Der Gosausee

Joseph Christian von Zedlitz

1837

O komm Geliebte, komm und laß uns hier In diesem Bergeseden Hütten bauen, Ein einsam Plätzchen suchen Dir und mir, Hier wo die hohen Kulmen niederschauen,

Hier, nah dem Himmel – und noch näher Dir! O komm mit mir, laß meine Hand Dich leiten, Klimm kühn hinan die unbekannten Pfade, Dich lohnen nie geahnte Herrlichkeiten, Zu deren Schau ich Dich, mein Kleinod, lade!

Sey unbesorgt, ich lasse Dich nicht gleiten! – – Wie spielt das Licht durch’s dunkle Grün so eigen, Laub perlt und Gras vom nächt’gen Regenbade, Und Diamanten tropfen von den Zweigen! Die Sonne, die noch hinter Schleiern ringt,

Beginnt nun allgemach empor zu steigen, Und wie ihr Strahl den feuchten Dunst bezwingt, Ballt sich der Nebel, der in weißen Binden Sich um die kahlen Felsenhäupter schlingt, Um endlich in der Tiefe zu verschwinden!

Du frischer grüner Tann, welch würz’ger Duft Weht durch dich hin, und hauchet seiner Linden Balsamische Arome in die Luft! Das Licht sprüht durch das Land hellgrüne Blitze, Der Sprosser schlägt, die braune Amsel ruft –

Es schwinget von des Baumes höchster Spitze Wie weiter wir fortschreiten im Gestripp, Der Adler sich, gescheucht von seinem Sitze, Und sucht zum Horst sich einsamer Geklipp. Dort sitzt er stumm in seinem Felsenhause,

Vor sich des Mahles Rest, Haut und Geripp! – – Noch windet sich der Weg eng durch die Klause, Wo über Steingeröll die weißen Schäume Des Waldbachs niederstürzen mit Gebrause; Bis endlich sich aufthun verschloss’ne Räume,

Und zu verborgnen Wundern wir gelangen, Als zögen wir durch’s Zauberland der Träume! – Sieh hier, wo wild die Felsen überhangen, Hoch oben in der Lüfte Regionen, Den dunkelgrünen Wasserspiegel prangen!

Den Donnerkogel ihm zur Seite thronen; Die kahle, graue Wand, lang hingestreckt, Die seltsam wunderliche Zackenkronen Gleich Minareten in die Wolken steckt? – Hier wohnten einst mit Ketten angeschlossen,

Unbänd’ge Riesen, von Granit bedeckt, Gewaltsam rüttelnd an den Fels verschlossen, Wenn Nachts im See auftauchten die Najaden, Den weißen Leib, von Mondesglanz umflossen, Im klaren Edelstein der Fluth zu baden,

Und lockend, sehnend, riefen die Gebannten Zu seliger Umarmung einzuladen! – Sieh einen einzigen lichten Diamanten, In seiner Herrlichkeit den Dachstein ragen, Den eisgekrönten, mächt’gen Nekromanten,

Der in die Wolken scheint das Haupt zu tragen, Indeß den Fuß netzen des Sees Krystallen, Die bis zu ihm smaragdne Wellen schlagen, Um seine Schultern weiße Schleier wallen, Ein Schneetalar schwimmt um des Zaubers Glieder,

Auf seine Brust, wie goldne Pfeile, fallen Der Sonnenscheibe glüh’nde Strahlen nieder, Und aus dem Zauberspiegel, der am Irisbande Ihm um den mächt’gen Nacken hänget, prallen Sie bunt in hundert Farben spielend, wieder! –

Er war Gebieter einst, und Fürst im Lande, Und hielt am See ein strenges Regiment; Die Riesen dort schlug Er in harte Bande, Und hielt von ihren Liebsten sie getrennt; Die fruchtlos seufzen und ihr Leiden klagen;

Wie hart es sey, weiß wer die Sehnsucht kennt, Und ihre Gluthen hat im Mark getragen! – Nicht immer herrscht’ er hier! Von Jubel schallten Rings Fels und Wald und Thal, in jenen Tagen, Als noch nicht Macht gegeben war dem Alten,

Und diese Gründe noch den Bann nicht kannten, Von seines Zaubers furchtbaren Gewalten! – Nachts, wenn die Sterne funkelten und brannten, In Silber schwamm des Donnerkogels Schanze, Da sprangen von den Bergen die Giganten,

Umgürtet Hüft’ und Haupt mit fichtnem Kranze! Und aus dem See schimmerten holde Leiber Der Riesenbräute, in der Schönheit Glanze, Weit überragend alle ird’schen Weiber! In Lust erglüht und trunkenem Verlangen,

War ihnen Lieb’ ein übermächt’ger Treiber! Glücksel’ger Wahnsinn war dann aufgegangen, Und rings umher ein glühend Wonnestreiten, Wenn süßen Kampfes Kraft und Schönheit rangen, Und wiederhallend dröhnten Berg und Weiten! – –

So war es einst, als jung noch war die Welt, Im Urstand der Natur, in jenen Zeiten, Da wilder Kraft kein Hüter noch gestellt. Nun ist es anders! Die Gestalten schwanden, Die Zauber alle jener Mährchenwelt!

Zwar glänzt der Dachstein wo er einst gestanden, Ein Diamant von ew’gem Eis und Schnee; Die Ahornkränze, die ihn sonst umwanden, Umwinden noch den grün smaragdnen See; Der Donnerkogel hebt noch seine Zinken

Phantastisch in das Wolkenblau wie eh’: Doch wo des Zaubrers Thron stand, sieh, da blinken Des Morgens Kerzen nun, und Düfte steigen Wie Opferrauch, und Gluthaltäre winken; Und weit umher ist feierliches Schweigen,

Und Sabbathstille rings; nichts lebt, nichts webt! Ein Gems nur blickt dort ruhig um, zu zeigen, In diesem Raum, wo Gottes Odem schwebt, Sey noch von nicht die Spur zu schauen. Noch hat er nicht hieher sein Dach geklebt,

Und frei ist’s noch auf dieses Eisfelds Auen! –

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Illustration zu Der Gosausee

Interpretation

Das Gedicht "Der Gosausee" von Joseph Christian von Zedlitz ist ein lyrisches Werk, das die Schönheit und den Zauber der Natur am Gosausee in den österreichischen Alpen beschwört. Es beginnt mit einer Einladung an die Geliebte, in die Einsamkeit der Berge zu kommen und eine Hütte zu bauen. Der Sprecher verspricht, sie sicher durch die unbekannten Pfade zu führen und ihr ungeahnte Herrlichkeiten zu zeigen. Das Gedicht beschreibt dann die Landschaft um den See herum in lebendigen Bildern: das Spiel des Lichts durch das dunkle Grün, die Diamanten, die von den Zweigen tropfen, die Sonne, die emporsteigt und den Dunst bezwingt, die Düfte von Tannen und Linden, das Zwitschern der Vögel. Es schildert den Aufstieg durch das Gestrüpp, wo ein Adler vom Baum fliegt, den Weg durch die Klause, wo der Bach niederstürzt, und schließlich die Ankunft an einem verborgenen Wunderort. Hier verwebt der Dichter die reale Landschaft mit einer mythischen Erzählung über Riesen und Najaden, die einst am See gelebt haben sollen. Der Dachstein wird als mächtiger Nekromant beschrieben, der einst über das Land herrschte und die Riesen in Ketten hielt. Die Erzählung wechselt dann zur Schilderung einer nächtlichen Befreiung der Riesen durch ihre Frauen, die aus dem See auftauchten. Es folgt eine Beschreibung der damaligen ausgelassenen Feiern und Liebesnächte. Im letzten Teil des Gedichts wird die Gegenwart beschrieben. Die Gestalten der Vergangenheit sind verschwunden, aber der Dachstein und der See sind noch da. Statt des Zauberers thront nun ein Gotteshaus auf dem Eis, und es herrscht feierliche Stille. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass der Mensch hier noch nicht seine Spuren hinterlassen hat und der Ort noch frei und unberührt ist. Insgesamt vermittelt das Gedicht eine tiefe Ehrfurcht vor der Schönheit und Kraft der Natur, die der Dichter mit einer Mischung aus realer Beobachtung und mythischer Imagination zum Ausdruck bringt. Die Landschaft wird als ein Ort der Einsamkeit, des Zaubers und der Freiheit dargestellt, der zum Träumen und zur Kontemplation einlädt.

Schlüsselwörter

einst see komm sey gen weißen ger sieh

Wortwolke

Wortwolke zu Der Gosausee

Stilmittel

Alliteration
Diamanten tropfen von den Zweigen
Anapher
Und hielt am See ein strenges Regiment; Die Riesen dort schlug Er in harte Bande, Und hielt von ihren Liebsten sie getrennt;
Anspielung
Den Donnerkogel ihm zur Seite thronen
Apostrophe
O komm Geliebte, komm und laß uns hier
Bildsprache
Und Diamanten tropfen von den Zweigen! Die Sonne, die noch hinter Schleiern ringt
Enjambement
Hier, nah dem Himmel – und noch näher Dir! O komm mit mir, laß meine Hand Dich leiten,
Hyperbel
Hier, nah dem Himmel – und noch näher Dir!
Kontrast
So war es einst, als jung noch war die Welt, Im Urstand der Natur, in jenen Zeiten, Da wilder Kraft kein Hüter noch gestellt. Nun ist es anders!
Metapher
Laub perlt und Gras vom nächt'gen Regenbade
Oxymoron
Glücksel'ger Wahnsinn war dann aufgegangen
Personifikation
Wie spielt das Licht durch's dunkle Grün so eigen
Symbolik
Der Dachstein ragen, Den eisgekrönten, mächt'gen Nekromanten
Synästhesie
Wie spielt das Licht durch's dunkle Grün so eigen
Vergleich
Die kahle, graue Wand, lang hingestreckt, Die seltsam wunderliche Zackenkronen Gleich Minareten in die Wolken steckt?