Der glückliche Dichter
1769Ein Dichter, der bei Hofe war - Bei Hofe? Was? bei Hofe gar? Wie kam er denn zu dieser Ehre? Ich wüßte nicht, was ein Poet, Ein Mensch, der nichts vom Recht und Staat versteht, Was der bei Hofe nötig wäre? Was ein Poet bei Hofe nötig ist? Ja, Freund, du hast wohl recht zu fragen. Mich ärgert′s, daß August zween Dichter gern vertragen, Die man doch itzt kaum in den Schulen liest. Was ist′s denn nun mit zehn Racinen Und Molieren? Nichts! Gar nichts, der eine macht, Daß man bei Hofe weint, der andre, daß man lacht, Das heißt dem Staate trefflich dienen, Dadurch wird ja kein Groschen eingebracht!
Doch auf die Sache selbst zu kommen. Ein Dichter, den der Hof in seine Gunst genommen, Schlief einst bei Tag im Louvre ein. - Wie so? War er berauscht? Das kann wohl möglich sein: Man hat in Frankreich guten Wein, Und Dichter sollen insgemein Von Wahrheit, Liebe, Witz und Wein Sehr gute Freund′ und Kenner sein. Ich mag die Welt nicht Lügen strafen, Drum sag′ ich weder ja noch nein.
G′nug der Poet war eingeschlafen Und war nicht schön, das man wohl merken muß; Doch gab die Königin, den Schlaf ihm zu versüßen, Ihm im Vorbeigehn einen Kuß. “Was”, rief ein Prinz, “den blassen Mund zu küssen?” - “Blaß”, sprach die Königin, “blaß ist er, das ist wahr; Doch sagt der Mann mit seinem blassen Munde Mehr Schönes oft in einer Stunde Als Sie, mein Prinz, durch′s ganze Jahr.”
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Interpretation
Das Gedicht "Der glückliche Dichter" von Christian Fürchtegott Gellert handelt von der Rolle des Dichters am Hofe und seiner Bedeutung für die Gesellschaft. Der Dichter beginnt mit einer ironischen Frage nach der Notwendigkeit von Dichtern am Hofe, da sie sich nicht mit Recht und Staat auskennen. Er kritisiert die Tatsache, dass zwei Dichter am Hofe geduldet werden, obwohl sie kaum noch in den Schulen gelesen werden. Der Dichter stellt die Frage, was Dichter wie Racine und Molière mit zehn wert sind und kommt zu dem Schluss, dass sie dem Staat nicht dienen, da sie kein Geld einbringen. Der zweite Teil des Gedichts erzählt die Geschichte eines Dichters, der im Louvre eingeschlafen ist. Es wird spekuliert, ob er betrunken war, da Dichter angeblich gute Freunde von Wein sind. Der Dichter selbst will sich nicht festlegen und sagt weder ja noch nein. Die Königin küsst den schlafenden Dichter, um seinen Schlaf zu versüßen. Ein Prinz ist empört über den Kuss, da der Dichter blass ist. Die Königin verteidigt ihre Handlung und sagt, dass der Dichter mit seinem blassen Mund in einer Stunde mehr Schönes sagt als der Prinz in einem ganzen Jahr. Das Gedicht kritisiert die Rolle des Dichters am Hofe und stellt die Frage nach seinem gesellschaftlichen Wert. Gellert zeigt, dass Dichter nicht nur Unterhalter sind, sondern auch eine wichtige Funktion in der Gesellschaft haben. Sie können durch ihre Worte und Gedanken die Menschen beeinflussen und zum Nachdenken anregen. Der Kuss der Königin symbolisiert die Anerkennung und Wertschätzung für die Arbeit des Dichters. Das Gedicht verdeutlicht, dass die Kunst und die Worte des Dichters mehr wert sind als materieller Reichtum oder politische Macht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Frage
- Wie kam er denn zu dieser Ehre?
- Ironie
- Bei Hofe? Was? bei Hofe gar?
- Personifikation
- Mich ärgert's, daß August zween Dichter gern vertragen
- Rhetorische Frage
- Was ist's denn nun mit zehn Racinen und Molieren? Nichts! Gar nichts
- Wiederholung
- Ein Dichter, der bei Hofe war