Der glückliche Dichter

Johann Gottfried Seume

1810

Von Klopstock bis zum Mäoniden, Wem von der gottgeweihten Schar Der Lieblinge der Pieriden war Vor allen übrigen das schönste Loos beschieden?

In Ferney saß der alte Spötter Mit Faunenblick und Satyrwitz, Und machte den Satrapensitz Zum Schrecken und zum Neid der Erdengötter. Zeus lieh dem Dämon seinen Blitz: Und Heere walleten den schlauen, Gefürchteten, verehrten Faun zu schauen. Für seine Schmeicheleyen flockte Das Gold verschwenderisch in Maro’s Schoos, Und sein Verdienst beym Herrn der Welt war groß Weil sein Gesang die Thräne lockte. Des Römers Gold, des Franken Glanz Ist gegen meines Griechen Kranz Ein Sumpflicht gegen Sonnenstrahlen, Wenn sie den jungen Morgen ganz Mit Regenbogenfarben mahlen.

Sagt, wenn ihr könnt, ihr Weisen und ihr Richter, Ist euch im schönen Griechenland, Wo man der Tugend einst die schönsten Kronen wand, Ein glücklicherer Mann bekannt, Als Vater Äschylus, der Dichter? Er war ein Mann von Marathon, Von Salamis und von Platäe - Drey Tage für die Nation Der herrlichsten, der lichtumglänzten Höhe, So schön, wie sie auf ihres Ruhmes Bahn Die Griechen nie, nie wieder sahn.

Der Flammentag in der Geschichte, Der einzige, von Marathon, Erhebt ihn mehr, als ewige Gedichte, Zum gottgeliebten Freyheitssohn; Und diesen Sohn trägt er im Strahlenlichte Bis an das Ende der Geschichte Von Nation zu Nation.

Der Selige! Mit ihm und durch ihn stand Das freye schöne Vaterland, Wo nie ein Volk sich jemahls fand. Der Genius der Ehre schwebte, Die goldne Tuba in der Hand, Hoch um Athen, so lang’ er lebte; Daß weit vor ihr die Despotie erbebte, Von Susa zu des Taurus Felsenwand.

Beneid’ ihn wer da will, die ewigen Gedichte, In denen er die Nachwelt überfliegt, Und wie bey Marathon in der Versammlung siegt; Vor dem hellenischen Gerichte, Wo Tugend mehr als Dichtung wiegt, Erhält der Mann für die Geschichte Den schöneren, den bessern Bürgerlohn Er war ein Mann von Marathon.

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Illustration zu Der glückliche Dichter

Interpretation

Das Gedicht "Der glückliche Dichter" von Johann Gottfried Seume stellt die Frage nach dem glücklichsten Dichter unter den von den Musen begünstigten Poeten. Es vergleicht verschiedene berühmte Dichter und ihre Schicksale, darunter Voltaire, Vergil und die römischen und französischen Dichter. Seume betont dabei die Bedeutung von Äschylus, der nicht nur als Dichter, sondern auch als Teilnehmer an den Schlachten von Marathon, Salamis und Platäa eine herausragende Rolle spielte. Die drei Tage der Schlachten werden als die herrlichsten und lichtumglänztesten Höhen der griechischen Geschichte beschrieben. Äschylus wird als der glücklichste Dichter dargestellt, da er nicht nur durch seine Dichtungen, sondern auch durch seinen Beitrag zur Freiheit und zum Ruhm Griechenlands verewigt wurde. Der Dichter vergleicht Äschylus mit einem Sohn der Freiheit, der von Generation zu Generation weitergetragen wird. Die Freiheit und der Ruhm Griechenlands werden mit dem Genius der Ehre und der goldenen Tuba in Verbindung gebracht, die hoch über Athen schwebten, solange Äschylus lebte. Dadurch erbebte die Despotie von Susa bis zum Taurus-Gebirge. Das Gedicht endet mit der Feststellung, dass Äschylus von der ewigen Nachwelt und dem hellenischen Gericht als der bessere und schönere Bürger geehrt wird. Seume betont, dass Äschylus nicht nur ein Dichter, sondern auch ein Mann von Marathon war, der durch seine Taten und seine Dichtungen die Nachwelt überfliegt und in der Versammlung siegt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Der herrlichsten, der lichtumglänzten Höhe
Anapher
Der Flammentag in der Geschichte, Der einzige, von Marathon
Hyperbel
Die goldne Tuba in der Hand
Metapher
Der schöneren, den bessern Bürgerlohn
Personifikation
Zeus lieh dem Dämon seinen Blitz
Vergleich
Vor dem hellenischen Gerichte