Der Geliebten
1913Der Blas- und Eu-Phemieen reiche Kette Hab′ ich geschlungen dir, Geliebte, um das Bein. Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte, So könntest du mir Kakadu und Sperber sein. Erinnre dich der Nacht in jenem Bette, Als eine Spinne alle weißen Perlen fraß, Als über dich gebeugt die Freundin Juliette Zu Häupten dir und mir zu Füßen saß. Empörte Fistelstimmen stelzten aus der Mette. Tuberkulinsaft blumte groß auf Tisch und Wänden. Der Mond hing sich ans Morgenrot in Glatzenglätte Und malte grüne Ringel deinen Händen. Dann kam der Sommer und ein groß Gefrette. Auch Kraniche geruhn, sich hoch zu schneuzen. Und wenn ich dies nicht zu bemerken hätte, So hätte jenes nichts zu benedeuzen. Nur sollt ich nicht gehabt die Telegraphendrätte Zu sehr bewegt nach dir, als schließlich du entschwandest. Denn dieses tatst du in der Magensätte Des ersten Tags mit dem, den du nicht kanntest.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Geliebten" von Hugo Ball beschreibt eine intensive und komplexe Beziehung zwischen dem lyrischen Ich und seiner Geliebten. Die erste Strophe setzt mit einer symbolischen Geste ein, bei der das lyrische Ich seiner Geliebten eine Kette aus "Blas- und Eu-Phemieen" um das Bein legt. Dies könnte als Versuch interpretiert werden, die Geliebte zu binden oder zu kontrollieren, während die Erwähnung von Kakadu und Sperber auf eine mögliche Freiheit oder Unabhängigkeit hindeutet. Die zweite Strophe erinnert an eine spezifische Nacht, die von surrealen und beunruhigenden Elementen geprägt ist. Die Anwesenheit einer Spinne, die alle weißen Perlen frisst, sowie die Figur der Freundin Juliette, die über dem Paar gebeugt sitzt, schaffen eine Atmosphäre des Unbehagens und der Ungewissheit. Die "empörten Fistelstimmen" und der "Tuberkulinsaft", der auf Tisch und Wänden blüht, verstärken das Gefühl der Desorientierung und des Verfalls. Die dritte Strophe beschreibt den Übergang zum Sommer, der mit einem "großen Gefrette" einhergeht. Die Erwähnung der Kraniche, die sich "hoch zu schneuzen" geruh'n, könnte als Metapher für die Vergänglichkeit und die Unausweichlichkeit des Wandels dienen. Die abschließende Zeile deutet an, dass das lyrische Ich durch seine übermäßige Beschäftigung mit der Geliebten, symbolisiert durch die "Telegraphendrätte", letztendlich ihren Verlust verursacht hat. Die Geliebte entschwand in der "Magensätte" des ersten Tages mit einem Fremden, was auf eine Verrat oder einen Bruch in der Beziehung hindeutet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Tuberkulinsaft blumte groß
- Anspielung
- Der erste Tag mit dem, den du nicht kanntest
- Bildsprache
- Der Mond hing sich ans Morgenrot in Glatzenglätte
- Enjambement
- Und wenn ich sonst nichts von Belang mehr täte, So könntest du mir Kakadu und Sperber sein.
- Hyperbel
- Als eine Spinne alle weißen Perlen fraß
- Kontrast
- Erinnre dich der Nacht in jenem Bette
- Metapher
- Der Blas- und Eu-Phemieen reiche Kette
- Personifikation
- Tuberkulinsaft blumte groß auf Tisch und Wänden
- Symbolik
- grüne Ringel deinen Händen