Der Gelehrte
1942Tag. Das Fenster. Im Quadrat Mir genug des Weltgesichtes. Hohe Blumen, schlanke Tiere, Bild der Wolke, Gang des Lichtes: Was da in den Rahmen trat, Wird geheim und innerlich, Und ich reinige und ziere Seinen Aufenthalt: mein Ich.
Nacht. Die Lampe. Wo ihr gelber Lichtkreis schwebt auf dem Papiere, Reden mich die Lettern an: Tote, die ihr Schweigen brechen. Meine Lippen ahmen ihre Sprache leise nach. So kann, Ach wie bald gestorben, selber Mit den Lebenden ich sprechen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Gelehrte" von Max Kommerell beschreibt die innere Welt eines Gelehrten, der in seiner Umgebung und in der Literatur Erkenntnis und Erfüllung findet. Der Gelehrte betrachtet die Welt durch sein Fenster, das ihm als Rahmen dient, um die Schönheit und den Reichtum der Natur zu erfassen. Er sieht die Blumen, Tiere, Wolken und das Licht als Teil eines geheimnisvollen und inneren Prozesses, den er durch seine geistige Auseinandersetzung mit ihnen reinigt und verschönert. In der Nacht wendet sich der Gelehrte der Literatur zu, symbolisiert durch die Lampe und das Papier. Die Buchstaben auf dem Papier scheinen ihn anzusprechen, als wären sie verstorbene Geister, die ihr Schweigen brechen. Der Gelehrte ahmt ihre Sprache nach, indem er die Worte leise ausspricht. Auf diese Weise kann er mit den Verstorbenen und den Lebenden kommunizieren, obwohl er selbst bald sterben wird. Das Gedicht vermittelt eine tiefe Wertschätzung für die intellektuelle und spirituelle Suche nach Erkenntnis und Verbindung. Der Gelehrte findet in der Natur und in der Literatur einen Weg, um die Geheimnisse des Lebens zu erkunden und sich mit anderen Menschen über die Zeit hinweg auszutauschen. Dabei wird deutlich, dass der Gelehrte seine Umgebung und die Literatur als Teil seines eigenen Selbst betrachtet, das er durch seine geistige Auseinandersetzung formt und bereichert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Kontrast
- Tag. Das Fenster. Nacht. Die Lampe
- Metapher
- Tote, die ihr Schweigen brechen
- Personifikation
- Reden mich die Lettern an
- Symbolik
- Meine Lippen ahmen ihre Sprache nach