Der gelehrte Kater

Adolf Glaßbrenner

1844

Ein Kater sitzt vor’m dicken Buch Die Brille auf der Nase; Man sieht’s, er denkt gewaltig klug Ob einer dunklen Phrase. Er zieht die Stirne kraus und krumm, Legt sie in hundert Falten; Es geht ihm Viel im Kopf herum, Denn er studirt die Alten.

Die schönsten Frauchen schleichen dort Am stillen Schornsteinplatze; Wie sie miauen fort und fort: Er liebt nicht eine Katze! Lieb’, Freundschaft, Schönheit prallen ab Von seiner Brust, der kalten; Sein Inn’res ist ein weites Grab, Drinn spucken nur die Alten.

Er wäscht sich nicht, er kämmt sich nicht; Er bleibt in seinem Schmutze: Was scheert mich mein gemein Gesicht, Wenn ich die Seele putze! So schnurrt den Muhmen er Bescheid, Die ihren Vetter schalten: Was brauch’ ich eure Sauberkeit Im Schattenreich der Alten!

Komm’ mit! sagt ihm sein Kamerad, Hier nebenan im Häuschen, Da schmausen wir ganz delicat, Da gibt’s die fett’sten Mäuschen! Der Kater wirft zwar einen Blick Durch seines Bodens Spalten, Doch zieht er sich sogleich zurück Und hungert bei den Alten.

Der König seines Vaterlands, Das ist ein arger Sünder; Die Bürger all’ des Katerlands Sie schreien wie die Kinder. Das ganze Reich ist voll Miaus Ob des Tyrannen Walten: Der Kater macht sich gar Nichts draus, Denn er ist bei den Alten.

Die Feinde dringen in das Land, Die großen Metzgerhunde; Von jeder Mauer, jeder Wand Hört man die Schreckenskunde; Man zieht die Krallen vor, um Wauwauer abzuhalten! Nur Einer, das gelehrte Vieh, Bleibt ruhig bei den Alten.

Im ganzen Reiche rundherum Murrt man von ihm am Schlimmsten; So manchen Kater nennt man dumm, Doch ihn den Allerdümmsten: Er lachte, sang und liebte nie, Wenn wir die Lust umkrallten; So laßt denn das gelehrte Vieh Verfaulen bei den Alten!

Er starb. Kein Kater, keine Katz' Hat kläglich drob miauet; Im Gegentheil: sein Studienplatz Ward ekelhaft besauet. Sein Wissen, das mit ihm verscharrt, Schrien sie, er mag’s behalten! Wir leben in der Gegenwart Und schnurren auf die Alten!

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Illustration zu Der gelehrte Kater

Interpretation

Das Gedicht "Der gelehrte Kater" von Adolf Glaßbrenner erzählt die Geschichte eines Katers, der sich ausschließlich dem Studium widmet und dabei alle anderen Aspekte des Lebens vernachlässigt. Der Kater sitzt vor einem dicken Buch, denkt tief über dunkle Phrasen nach und zieht seine Stirn in Falten. Er interessiert sich nicht für die schönen Katzen, die um ihn herum miauen, und auch nicht für Sauberkeit oder das gemeinsame Essen mit seinen Kameraden. Stattdessen bleibt er bei seinen Studien und den alten Texten. Der Kater scheint völlig abgekoppelt von der Welt um ihn herum zu sein. Er ignoriert die Probleme in seinem Vaterland, wo der König ein "arger Sünder" ist und die Bürger wie Kinder schreien. Auch die drohende Gefahr durch die Metzgerhunde, die in das Land eindringen, lässt ihn kalt. Er bleibt ruhig bei seinen Studien, während alle anderen sich vorbereiten, sich zu verteidigen. Am Ende stirbt der Kater, und niemand trauert um ihn. Sein Studienplatz wird sogar als ekelhaft beschrieben, und seine Mitkatzen sind erleichtert, dass er sein Wissen mit ins Grab genommen hat. Sie leben in der Gegenwart und schnurren auf die Alten, was bedeutet, dass sie die Vergangenheit und das alte Wissen hinter sich lassen und sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Das Gedicht kritisiert die einseitige Beschäftigung mit dem Studium und die Vernachlässigung des Lebens und der Gemeinschaft.

Schlüsselwörter

alten kater zieht fort bleibt jeder gelehrte vieh

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Miauen fort und fort
Hyperbel
Er liebt nicht eine Katze
Ironie
Was scheert mich mein gemein Gesicht, Wenn ich die Seele putze
Metapher
Sein Wissen, das mit ihm verscharrt
Personifikation
Und schnurren auf die Alten