Der Gelehrte
1827Tausend Schmerzen in junger Brust Schon so tief so fest gegraben! War das ein Leben voll Lebenslust, Wies glückliche Menschen haben? Die Sorgen um Zukunft, klein und gemein, Ewiges Sehen auf mein und dein - Das sollt mein Frühlingsleben sein?
O Fluch dir, höhnische Wissenschaft, Was hab ich mich dir ergeben! Du Gespenst ohne Blüth, ohne Saft und Kraft, Elendes Gelehrtenleben! Mir kommt entgegen kein Menschenkind, Wenn ich nicht such und schau mich blind, Ob ich lebendige Wesen find.
Was Alles ich hatte Freud und Glück, Mußt ich mir selber erringen, Erjagt ich den frohen Augenblick, Mußt ich ihn bannen und zwingen. Nie harmlos gab ich mich hin der Lust, Wann kehrte mir Heiterkeit ein zur Brust, Da ichs nicht wollt und nicht gewußt?
Ich fühl es erst, o ewig zu spät, Wie bitter der Kelch der Reue, Und hätte ich noch ein einzig Gebet, Es wäre um Liebe und Treue! Wohl kannt ich einmal eine schöne Frau, In ihren Augen stund oft der Thau; Ich - trug meinen Wissenseifer zur Schau.
Jetzt grau vor Weisheit und Verdruß Hinschwank ich einsam zur Grube, Die Wehmuth ist mein Lebensgenuß, »Bedauern« darf mich ein Bube. Statt blühender Kinder liebende Schaar Zähl ich meine Werke Jahr für Jahr, Und seh, daß ich Andern nützlich war.
O schafft eine schöne, menschliche Zeit, Ohne Heuchelei der Tugend, Eine Gegenwart der Gerechtigkeit, Einen Frühling unserer Jugend! Wo die Zeit, darin sie knospen mag? Ihr werft das Kind mit Einem Schlag In den arbeitsschwülen Sommertag.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Gelehrte" von Ludwig Eichrodt beschreibt die tiefe Enttäuschung eines Gelehrten über sein Leben, das von wissenschaftlichem Streben geprägt war. Der Sprecher reflektiert über die tausend Schmerzen, die in seiner jungen Brust gegraben sind, und fragt sich, ob dies ein Leben voller Lebenslust war, wie glückliche Menschen es haben. Er kritisiert die Sorgen um die Zukunft und das ewige Sehen auf "mein und dein" als unpassend für sein Frühlingsleben. Der Gelehrte verflucht die höhnische Wissenschaft, der er sich ergeben hat, und beschreibt sein Leben als elend und ohne Blüte, Saft und Kraft. Er bedauert, dass er keine menschlichen Beziehungen pflegen konnte, da er ständig auf der Suche nach Wissen war und sich blind auf die Suche nach lebendigen Wesen machte. Die Freude und das Glück, die er hatte, musste er sich selbst erkämpfen und zwingen, anstatt sie harmlos zu genießen. Der Sprecher erkennt zu spät, wie bitter der Kelch der Reue schmeckt. Er wünscht sich, er hätte um Liebe und Treue gebetet, anstatt seinen Wissenseifer zur Schau zu tragen. Nun, grau vor Weisheit und Verdruß, schreitet er einsam zur Grube, wobei die Wehmut sein Lebensgenuß ist. Anstelle einer liebenden Schar blühender Kinder zählt er seine Werke Jahr für Jahr und sieht, dass er anderen nützlich war. Abschließend fordert der Gelehrte eine schöne, menschliche Zeit ohne Heuchelei der Tugend und eine Gegenwart der Gerechtigkeit. Er wünscht sich einen Frühling seiner Jugend, in dem die Zeit zum Knospen da ist. Doch stattdessen wird das Kind mit einem Schlag in den arbeitsschwülen Sommertag geworfen, was die verpasste Chance auf ein erfülltes Leben symbolisiert.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Tausend Schmerzen
- Kontrast
- Statt blühender Kinder liebende Schaar Zähl ich meine Werke Jahr für Jahr
- Metapher
- Wie bitter der Kelch der Reue
- Personifikation
- O Fluch dir, höhnische Wissenschaft