Der Geiger zu Gmünd

Justinus Kerner

1816

Einst ein Kirchlein sondergleichen, Noch ein Stein von ihm steht da, Baute Gmünd der sangesreichen Heiligen Cäcilia.

Lilien von Silber glänzten Ob der Heil’gen mondenklar, Hell wie Morgenrot bekränzten Goldne Rosen den Altar.

Schuh’ aus reinem Gold geschlagen Und von Silber hell ein Kleid Hat die Heilige getragen: Denn da war’s noch gute Zeit,

Zeit, wo überm fernen Meere, Nicht nur in der Heimat Land, Man der Gmündschen Künstler Ehre Hell in Gold und Silber fand.

Und der fremden Pilger wallten Zu Cäcilias Kirchlein viel; Ungesehn woher, erschallten Drin Gesang und Orgelspiel.

Einst ein Geiger kam gegangen, Ach, den drückte große Not, Matte Beine, bleiche Wangen, Und im Sack kein Geld, kein Brot.

Vor dem Bild hat er gesungen Und gespielet all sein Leid, Hat der Heil’gen Herz durchdrungen: Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

Lächelnd bückt das Bild sich nieder Aus der lebenlosen Ruh’, Wirft dem armen Sohn der Lieder Hin den rechten goldnen Schuh.

Nach des nächsten Goldschmieds Hause Eilt er, ganz vom Glück berauscht, Singt und träumt vom besten Schmause, Wenn der Schuh um Geld vertauscht.

Aber kaum den Schuh ersehen, Führt der Goldschmied rauen Ton, Und zum Richter wird mit Schmähen Wild geschleppt des Liedes Sohn.

Bald ist der Prozess geschlichtet, Allen ist es offenbar, Dass das Wunder nur erdichtet, Er der frechste Räuber war.

Weh! du armer Sohn der Lieder Sangest wohl den letzten Sang! An dem Galgen auf und nieder Sollst, ein Vogel, fliegen bang.

Hell ein Glöcklein hört man schallen, Und man sieht den schwarzen Zug Mit dir zu der Stätte wallen, Wo beginnen soll dein Flug.

Bußgesänge hört man singen, Nonnen und der Mönche Chor, Aber hell auch hört man dringen Geigentöne draus hervor.

Seine Geige mitzuführen, War des Geigers letzte Bitt’. “Wo so viele musizieren, Musizier’ ich Geiger mit!”

An Cäcilias Kapelle Jetzt der Zug vorüberkam, Nach des offnen Kirchleins Schwelle Geigt er recht in tiefem Gram.

Und wer kurz ihn noch gehasset, Seufzt: “Das arme Geigerlein” - “Eins noch bitt’ ich,” - singt er, “lasset Mich zur Heil’gen noch hinein!”

Man gewährt ihm; vor dem Bilde Geigt er abermals sein Leid, Und er rührt die Himmlischmilde: Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!

Lächelnd bückt das Bild sich nieder Aus der lebenlosen Ruh’, Wirft dem armen Sohn der Lieder Hin den zweiten goldnen Schuh.

Voll Erstaunen steht die Menge, Und es sieht nun jeder Christ, Wie der Mann der Volksgesänge Selbst der Heil’gen teuer ist.

Schön geschmückt mit Bändern, Kränzen, Wohl gestärkt mit Geld und Wein, Führen sie zu Sang und Tänzen In das Rathaus ihn hinein.

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Illustration zu Der Geiger zu Gmünd

Interpretation

Das Gedicht "Der Geiger zu Gmünd" von Justinus Kerner erzählt die Geschichte eines armen Geigers, der in Gmünd Zuflucht sucht und vor dem Bild der Heiligen Cäcilia spielt und singt. Die Heilige, berührt von seinem Leid, schenkt ihm einen goldenen Schuh. Der Geiger versucht, den Schuh zu verkaufen, wird aber als Dieb verurteilt und zum Tode verurteilt. Auf dem Weg zur Hinrichtungsstätte bittet er, vor dem Bild der Heiligen noch einmal spielen zu dürfen. Die Heilige schenkt ihm den zweiten Schuh, und die Menge erkennt die Unschuld des Geigers. Er wird gefeiert und ins Rathaus geführt. Das Gedicht thematisiert die Macht der Musik und der Kunst, die sogar die Heiligen berühren kann. Es zeigt auch die Ungerechtigkeit der Gesellschaft, die den Geiger verurteilt, obwohl er unschuldig ist. Die Heilige Cäcilia symbolisiert die Anerkennung und den Schutz der Künstler, während der Geiger für die leidenden Künstler steht, die oft von der Gesellschaft missverstanden und ausgebeutet werden. Das Gedicht endet mit einer Wende zum Guten, als der Geiger freigesprochen und gefeiert wird. Dies zeigt die Kraft der Wahrheit und der Kunst, die letztendlich triumphieren. Es ist eine Hommage an die Künstler und ihre Bedeutung in der Gesellschaft, aber auch eine Kritik an der Ungerechtigkeit und dem Mangel an Verständnis, dem sie oft ausgesetzt sind.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sohn der Lieder
Anspielung
Heiligen Cäcilia
Bildsprache
Lilien von Silber glänzten Ob der Heil'gen mondenklar
Hyperbel
Zeit, wo überm fernen Meere, Nicht nur in der Heimat Land, Man der Gmündschen Künstler Ehre Hell in Gold und Silber fand.
Ironie
Wo so viele musizieren, Musizier' ich Geiger mit!
Kontrast
Weh! du armer Sohn der Lieder Sangest wohl den letzten Sang!
Metapher
Und im Sack kein Geld, kein Brot.
Personifikation
Horch! melodisch rauscht ihr Kleid!
Symbolik
Goldene Rosen den Altar
Wiederholung
Lächelnd bückt das Bild sich nieder Aus der lebenlosen Ruh', Wirft dem armen Sohn der Lieder Hin den rechten goldnen Schuh.