Der Gefangene

Rainer Maria Rilke

1907

I

Meine Hand hat nur noch eine Gebärde, mit der sie verscheucht; auf die alten Steine fällt es aus Felsen feucht.

Ich höre nur dieses Klopfen und mein Herz hält Schritt mit dem Gehen der Tropfen und vergeht damit.

Tropften sie doch schneller, käme doch wieder ein Tier. Irgendwo war es heller -. Aber was wissen wir. II

Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind, Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, das würde Stein bis um die kleine Stelle an der dein Herz und deine Hände sind.

Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann und: späterhin und nächstes Jahr und weiter - das würde wund in dir und voller Eiter und schwäre nur und bräche nicht mehr an.

Und das was war, das wäre irre und raste in dir herum, den lieben Mund der niemals lachte, schäumend von Gelächter.

Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter und stopfte boshaft in das letzte Loch ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.

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Illustration zu Der Gefangene

Interpretation

Das Gedicht "Der Gefangene" von Rainer Maria Rilke beschreibt die innere Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit eines inhaftierten Menschen. In der ersten Strophe zeigt sich die Hand des Gefangenen nur noch als Gebärde des Wegstoßens, was seine Verzweiflung und Isolation verdeutlicht. Das Klopfen der Tropfen an den alten Steinen symbolisiert die Monotonie und den unerbittlichen Lauf der Zeit im Gefängnis. Das Herz des Gefangenen schlägt im Takt der Tropfen, was seine emotionale Erschöpfung und das Gefühl des Vergehens zum Ausdruck bringt. In der zweiten Strophe wird die Hoffnung auf eine mögliche Flucht oder Befreiung angedeutet, die jedoch schnell wieder verworfen wird. Die Zeile "Aber was wissen wir" unterstreicht die Ungewissheit und die Hilflosigkeit des Gefangenen. Die Vorstellung, dass der Himmel und die Freiheit zu Stein werden könnten, verdeutlicht die allumfassende Enge und die erdrückende Atmosphäre der Gefangenschaft. Die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft verschmelzen zu einem einzigen, schmerzhaften Erlebnis. Die letzte Strophe verdeutlicht die geistige Verwirrung und den Verlust der Hoffnung. Die Vergangenheit würde im Inneren des Gefangenen toben und seinen Mund mit Schaum des Wahnsinns füllen. Gott, einst eine Quelle des Trostes, würde zum überwachenden Wächter, der ein "schmutziges Auge" in das letzte Loch stopft. Trotz all dieser Qualen lebt der Gefangene weiter, was die unerbittliche Natur seiner Situation unterstreicht.

Schlüsselwörter

herz mund auge würde wäre hand gebärde verscheucht

Wortwolke

Wortwolke zu Der Gefangene

Stilmittel

Alliteration
und mein Herz hält Schritt
Bildlichkeit
Tropften sie doch schneller, käme doch wieder ein Tier
Hyperbel
und vergeht damit
Kontrast
Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind, Luft deinem Mund und deinem Auge Helle, das würde Stein bis um die kleine Stelle an der dein Herz und deine Hände sind
Metapher
Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter und stopfte boshaft in das letzte Loch ein schmutziges Auge
Personifikation
auf die alten Steine fällt es aus Felsen feucht
Vorausdeutung
Und was jetzt in dir morgen heißt und: dann und: späterhin und nächstes Jahr und weiter