Der gefangene Räuber
1806Von Sabinerbergen nieder Wallt das braune Räuberweib, Schmiegend ihres Knäbleins Glieder Sorglich fest an ihren Leib.
Wie sie tritt durch Roma’s Pforte, Glocken, Trommeln und Gebet! Ist’s ein Fest, ist Markt am Orte? Beides hier gar nahe steht!
Feierklänge von Sankt Peter! Dudelsack hier schnarrend grell! Possen reißen heil’ge Väter, Salbung predigt Pulcinell.
Affen, Charlatane, Springer, Auf dem Seile Gauklertritt! Jetzt an fremder Bestien Zwinger Lenkt das Räuberweib den Schritt.
Ab und auf in wildem Satze Tobt ein Königstiger hier, An den Käfig schlägt die Tatze, Glühend flammt das Aug’ dem Thier.
»Mutter, warum sperrt das gute, Schöne Thier so fest man ein?« »Kind, weil’s durstig lechzt nach Blute, Weil’s unbändig, wild im Frei’n.«
Ruhig nebendran im Bauer Sitzt ein fremdes Täublein zart, Senkt das Haupt in milder Trauer Ins Gefieder weißbehaart.
»Mutter, warum schließt dieß gute, Fromme Vöglein auch man ein? Dieses lechzt doch nicht nach Blute?« »Kind, weil’s trägt zwei Flügelein.«
Kapitols Steintreppen stiegen Sie empor im Menschenstrom, Wo gesehn nach Kränzen fliegen Seine alte Kraft einst Rom!
Wo es jetzt auch seine echte Ungeschwächte, rauhe Kraft, Doch gefahn, in Kerkernächte, Seine Räuber, hingeschafft!
Seht dort der Gefangnen Einen Rasch, am Fenster, pfeilgeschwind! Zu ihm hebt das Weib den Kleinen: »Siehe deinen Vater, Kind!«
Auf das Kind durch Eisenstangen Blickt der Mann so blaß und mild, Herzt es lachend, ob die Wangen Thränenfluth auch überquillt;
Ueberdeckt ihm ganz mit Küssen Zärtlich Wang’ und Aeugelein; Und das Kind hat denken müssen Jener Taube, fromm und rein.
Nun sie Lebewohl ihm sagen, Sträubt sein Haar sich auf in Wuth, Seine Fäust’ ans Gitter schlagen Und sein Auge rollt in Gluth!
Doch die Mutter fest umfangend, Flieht das Kind dieß grause Bild; Und gedenken muß es bangend Jenes Königstigers wild.
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Interpretation
Das Gedicht "Der gefangene Räuber" von Anastasius Grün erzählt die Geschichte einer Räuberfamilie, die in Rom aufeinandertreffen. Die Räuberin und ihr Kind beobachten verschiedene Szenen in der Stadt, darunter einen gefangenen Tiger und ein Taubenpaar in Käfigen. Die Räuberin erklärt ihrem Kind, dass der Tiger gefangen ist, weil er nach Blut lechzt und wild in Freiheit ist, während die Taube gefangen ist, weil sie zwei Flügel hat, die sie zum Fliegen nutzen könnte. Die Räuberin führt ihr Kind zu den Kapitolinischen Treppen, wo sie den Vater des Kindes, einen gefangenen Räuber, sehen. Der Vater blickt durch die eisernen Stangen auf sein Kind und drückt es mit Küssen, obwohl ihm Tränen über die Wangen fließen. Das Kind erinnert sich an die Taube, die fromm und rein war. Als die Räuberin Lebewohl sagen will, wird der Vater wütend, schlägt mit seinen Fäusten gegen das Gitter und sein Auge rollt in Gluth. Das Kind flieht ängstlich und denkt an den wilden Königstiger. Das Gedicht verdeutlicht die Gefangenschaft und den Verlust der Freiheit, sowohl für Tiere als auch für Menschen, und zeigt die emotionalen Auswirkungen auf die Beteiligten.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Wie sie tritt durch Roma’s Pforte
- Anapher
- Mutter, warum sperrt das gute, Schöne Thier so fest man ein?
- Antithese
- Weil’s unbändig, wild im Frei’n
- Bildsprache
- Jetzt an fremder Bestien Zwinger Lenkt das Räuberweib den Schritt
- Metapher
- Seines alten Kraft einst Rom
- Personifikation
- Glocken, Trommeln und Gebet
- Vergleich
- Und das Kind hat denken müssen Jener Taube, fromm und rein