Der Gefangene

Joseph von Eichendorff

1788

In goldner Morgenstunde, Weil alles freudig stand, Da ritt im heitern Grunde Ein Ritter über Land.

Rings sangen auf das beste Die Vöglein mannigfalt, Es schüttelte die Äste Vor Lust der grüne Wald,

Den Nacken, stolz gebogen, Klopft er dem Rösselein - So ist er hingezogen Tief in den Wald hinein.

Sein Roß hat er getrieben, Ihn trieb der frische Mut: »Ist alles fern geblieben, So ist mir wohl und gut!«

Mit Freuden mußt er sehen Im Wald ein grüne Au, Wo Brünnlein kühle gehen, Von Blumen rot und blau.

Vom Roß ist er gesprungen, Legt′ sich zum kühlen Bach, Die Wellen lieblich klungen, Das ganze Herz zog nach.

So grüne war der Rasen, Es rauschte Bach und Baum, Sein Roß tät stille grasen, Und alles wie ein Traum.

Die Wolken sah er gehen, Die schifften immer zu, Er konnt nicht widerstehen, - Die Augen sanken ihm zu.

Nun hört er Stimmen rinnen, Als wie der Liebsten Gruß, Er konnt sich nicht besinnen - Bis ihn erweckt′ ein Kuß.

Wie prächtig glänzt′ die Aue! Wie Gold der Quell nun floß, Und einer süßen Fraue Lag er im weichen Schoß.

»Herr Ritter! Wollt Ihr wohnen Bei mir im grünen Haus: Aus allen Blumenkronen Wind ich Euch einen Strauß!

Der Wald ringsum wird wachen, Wie wir beisammen sein, Der Kuckuck schelmisch lachen, Und alles fröhlich sein.«

Es bog ihr Angesichte Auf ihn, den süßen Leib, Schaut′ mit den Augen lichte Das wunderschöne Weib.

Sie nahm sein′n Helm herunter, Löst′ Krause ihm und Bund, Spielt′ mit den Locken munter, Küßt′ ihm den roten Mund.

Und spielt′ viel süße Spiele Wohl in geheimer Lust, Es flog so kühl und schwüle Ihm um die offne Brust.

Um ihn nun tät sie schlagen Die Arme weich und bloß, Er konnte nichts mehr sagen, Sie ließ ihn nicht mehr los.

Und diese Au zur Stunde Ward ein kristallnes Schloß, Der Bach ein Strom, gewunden Ringsum, gewaltig floß.

Auf diesem Strome gingen Viel Schiffe wohl vorbei, Es konnt ihn keines bringen Aus böser Zauberei.

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Illustration zu Der Gefangene

Interpretation

Das Gedicht "Der Gefangene" von Joseph von Eichendorff erzählt die Geschichte eines Ritters, der in einer goldenen Morgenstunde durch einen heiteren Wald reitet. Die Natur um ihn herum ist voller Leben und Freude, Vögel singen und der grüne Wald scheint vor Lust zu beben. Der Ritter, ermutigt durch seinen frischen Mut, reitet tief in den Wald hinein, bis er eine grüne Au mit einem kühlen Bach entdeckt. Er lässt sein Pferd grasen und legt sich am Bach nieder, wo er bald in einen tiefen Schlaf fällt. In seinem Schlaf träumt der Ritter von einer süßen Frau, die ihn mit einem Kuß weckt. Die Au verwandelt sich in ein kristallenes Schloss und der Bach in einen mächtigen Strom. Die Frau verführt den Ritter mit süßen Spielen und zärtlichen Berührungen, bis er völlig in ihren Bann gezogen ist. Sie schlingt ihre Arme um ihn und lässt ihn nicht mehr los. Der Ritter ist nun ein Gefangener ihrer Liebe, aus der kein Schiff ihn je befreien kann. Das Gedicht beschreibt die Verlockung und den Zauber der Natur, der den Ritter in eine traumhafte, aber auch gefährliche Welt entführt.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Es konnt ihn keines bringen / Aus böser Zauberei
Personifikation
Rings sangen auf das beste / Die Vöglein mannigfalt
Vergleich
Die Augen sanken ihm zu