Der gefallene Engel

Else Lasker-Schüler

1913

St. Petrus Hille zu eigen

Des Nazareners Lächeln strahlt aus deinen Mienen, und meine Lippen öffnen sich mit Zagen, wie gift’ge Blüten, die dem Satan dienen und scheu den Lenzwind nach dem Himmel fragen. Die heiße Sehnsucht hat mich tief gebräunt, in kühler Not erstarrte meine Seele, ein Wetter stählte mein Gewissen!

Es wachsen Sträucher blütenlos auf meinen Wegen wie Schatten, die verbotene Taten werfen, und meine Träume tränkt ein blut’ger Regen und reizt mit seinem Schein zum Laster meine Nerven. Die Unschuld hat an meinem Bett geweint, und rang und klagte dann um meine Seele und pflanzte Trauerrosen um mein Kissen.

Siehst Du den Kettenring an meinem Finger - sein Stein erblindete, sein blaues Scheinen, vielleicht verlor ihn mal ein Gottesjünger auf seinem Pfade hoch in Felsgesteinen. Und diese roten, feurigen Granaten gab mir ein Königgreis für meine Nächte, wie heiße Tropfen auf die Schnur gereiht.

Der Sonnenuntergang erzählt im Westen von späten Rosen, die ergrauen müssen im Herbste unter morschem Laub und Ästen, und nichts vom Sonnenglanz des Sommers wissen, als Sünderinnen sterben für die Taten der eitelen Natur, die duften möchte noch in der späten Winterabendzeit.

Darf ich mit Dir auf weiten Höhen schreiten! Hand in Hand, Du und ich, wie Kinder… Wenn aus dem Abendhimmel wilde Sterne gleiten durchs tiefe Blauschwarz, wie verstoss’ne Sünder, und scheu in Gärten fallen, die voll Orchideen und stummen Blüten stehn in gold’nen Hüllen.

Und in den Kronen schlanker Märchenbäume harrt meine Unschuld unter Wolkenflor, und meine ersten, holden Kinderträume erwachen vor dem gold’nen Himmelstor. Und wenn wir einst ins Land des Schweigens gehen, der schönste Engel wird mein Heil erflehn um Deiner Liebe willen.

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Illustration zu Der gefallene Engel

Interpretation

Das Gedicht "Der gefallene Engel" von Else Lasker-Schüler handelt von einer tiefen spirituellen Krise und dem Streben nach Erlösung. Die lyrische Ich-Erzählerin beschreibt sich selbst als gefallenen Engel, der einst die Unschuld verlor und nun in einem Zustand der Sehnsucht und des Zweifels gefangen ist. Die Metapher des gefallenen Engels symbolisiert den Verlust der Reinheit und den Abstieg in die Welt der Sünde und des Verlangens. Die Erzählerin ringt mit ihrer inneren Zerrissenheit zwischen dem Verlangen nach Erlösung und der Anziehungskraft der Sünde. Sie beschreibt ihre Seele als erstarrt und ihr Gewissen als gestählt, was auf eine innere Verhärtung und den Verlust der moralischen Orientierung hindeutet. Die "gift'gen Blüten" und der "blut'ge Regen" in ihren Träumen symbolisieren die zerstörerische Kraft ihrer Begierden und die Schuldgefühle, die sie plagen. Trotz ihrer gefallenen Natur sehnt sich die Erzählerin nach Reinheit und Unschuld. Sie träumt von einem Leben in Harmonie mit der Natur und der Rückkehr zu einem Zustand kindlicher Unschuld. Die "gold'nen Hüllen" und die "gold'ne Himmelspforte" symbolisieren die Sehnsucht nach einem höheren, reinen Dasein jenseits der irdischen Welt. Das Gedicht endet mit der Hoffnung auf Erlösung durch die Liebe, wobei der "schönste Engel" für das Heil der Erzählerin fleht.

Schlüsselwörter

blüten scheu heiße seele taten unschuld späten hand

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Stilmittel

Bildsprache
in gold'nen Hüllen
Metapher
der schönste Engel wird mein Heil erflehn
Personifikation
Die Unschuld hat an meinem Bett geweint
Vergleich
wie Kinder