Der Gaul
1871Es läutet beim Professor Stein. Die Köchin rupft die Hühner. Die Minna geht: Wer kann das sein? - Ein Gaul steht vor der Türe.
Die Minna wirft die Türe zu. Die Köchin kommt: Was gibts denn? Das Fräulein kommt im Morgenschuh. Es kommt die ganze Familie.
“Ich bin, verzeihn Sie,” spricht der Gaul, “der Gaul vom Tischler Bartels. Ich brachte Ihnen dazumaul die Tür- und Fensterrahmen!”
Die vierzehn Leute samt dem Mops, sie stehn, als ob sie träumten. Das kleinste Kind tut einen Hops, die andern stehn wie Bäume.
Der Gaul, da keiner ihn versteht, schnalzt bloß mal mit der Zunge, dann kehrt er still sich ab und geht die Treppe wieder hinunter.
Die dreizehn schaun auf ihren Herrn, ob er nicht sprechen möchte. “Das war”, spricht der Professor Stein, “ein unerhörtes Erlebnis!” . . .
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Interpretation
Das Gedicht "Der Gaul" von Christian Morgenstern handelt von einem ungewöhnlichen Besuch, der bei Professor Stein stattfindet. Es beginnt mit einem Klingeln an der Tür, wodurch die Haushälterin alarmiert wird. Als die Tür geöffnet wird, steht ein Gaul vor der Tür, was für alle Anwesenden eine überraschende Situation darstellt. Die Reaktionen der Familie sind unterschiedlich, von Neugier bis hin zu Verwirrung, was die unerwartete Natur des Besuchs unterstreicht. Der Gaul stellt sich als Gaul von Tischler Bartels vor und erklärt, dass er die Tür- und Fensterrahmen gebracht hat. Diese Aussage verdeutlicht die Ironie des Gedichts, da ein Gaul normalerweise nicht in der Lage ist, solche Aufgaben zu erledigen. Die Familie steht fasziniert da, als ob sie in einem Traum wären, und das kleinste Kind macht einen Sprung, während die anderen wie Bäume stehen bleiben. Dies illustriert die Verblüffung und das Staunen über das ungewöhnliche Ereignis. Der Gaul, der merkt, dass ihn niemand versteht, schnalzt mit der Zunge und verlässt leise das Haus. Die Familie schaut den Professor an, in der Hoffnung, dass er etwas sagen könnte, aber es ist der Professor selbst, der das Erlebnis als "unerhört" bezeichnet. Dies unterstreicht die Absurdität der Situation und lässt den Leser über die Grenzen des Normalen und des Unerwarteten nachdenken. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Verwirrung und des Staunens über das seltsame Ereignis.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 's' in 'schnalzt bloß mal mit der Zunge' ist eine Alliteration.
- Enjambement
- Die Zeilen 'Ich bin, verzeihn Sie,' spricht der Gaul, / 'der Gaul vom Tischler Bartels.' zeigen einen Zeilenumbruch, der den Satz fortsetzt.
- Hyperbel
- Die Beschreibung, dass die Familie 'wie Bäume' steht, ist eine Übertreibung, um die Erstarrung zu betonen.
- Ironie
- Die Situation, dass ein Gaul Fensterrahmen bringt, ist ironisch, da es unerwartet und absurd ist.
- Metapher
- Die Familie wird als 'Bäume' beschrieben, was ihre Unbeweglichkeit und Überraschung metaphorisch darstellt.
- Personifikation
- Der Gaul spricht und verhält sich wie ein Mensch, was eine Personifikation darstellt.
- Reimschema
- Das Gedicht folgt einem unregelmäßigen Reimschema, was zur chaotischen und unerwarteten Natur der Geschichte beiträgt.