Der Fuchs und die Trauben

Karl Wilhelm Ramler

1725

Ein Fuchs, der auf die Beute ging, fand einen Weinstock, der voll schwerer Trauben an einer hohen Mauer hing. Sie schienen ihm ein köstlich Ding, allein beschwerlich abzuklauben. Er schlich umher, den nächsten Zugang auszuspäh’n. Umsonst! Kein Sprung war abzuseh’n. Sich selbst nicht vor dem Trupp der Vögel zu beschämen, der auf den Bäumen saß, kehrt er sich um und spricht und zieht dabei verächtlich das Gesicht: »Was soll ich mir viel Mühe geben? Sie sind ja herb und taugen nicht.«

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Illustration zu Der Fuchs und die Trauben

Interpretation

Das Gedicht "Der Fuchs und die Trauben" von Karl Wilhelm Ramler erzählt die Fabel vom Fuchs, der nach reifen Trauben an einer hohen Mauer verlangt, diese aber nicht erreichen kann. Trotz seiner Anstrengungen und Versuche, einen Weg zu finden, scheitert er an der unüberwindbaren Höhe. Um sein Scheitern zu überspielen, behauptet der Fuchs, die Trauben seien ohnehin sauer und nicht wert, dass er sich die Mühe macht, sie zu pflücken. Die Fabel verdeutlicht die menschliche Neigung, unerreichbare Ziele schnell als unwichtig oder unerwünscht abzutun, um das eigene Ego zu schützen. Der Fuchs dient als Metapher für Menschen, die ihre eigenen Misserfolge durch Verachtung und Herabsetzung des Begehrten kompensieren. Ramler kritisiert damit die Heuchelei und Selbsttäuschung, die oft mit unerfüllten Wünschen einhergehen. Die Sprache des Gedichts ist einfach und direkt, was die Klarheit der moralischen Lehre unterstreicht. Die Ironie liegt in der offensichtlichen Heuchelei des Fuchses, der seine Unfähigkeit, die Trauben zu erreichen, mit einer scheinbaren Gleichgültigkeit zu überspielen versucht. Ramler nutzt diese Fabel, um eine zeitlose Wahrheit über menschliches Verhalten und die Bewältigung von Enttäuschungen zu vermitteln.

Schlüsselwörter

fuchs beute ging fand weinstock voll schwerer trauben

Wortwolke

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Stilmittel

Bildsprache
fand einen Weinstock, der voll schwerer Trauben an einer hohen Mauer hing
Ironie
Sie sind ja herb und taugen nicht
Metapher
Ein Fuchs, der auf die Beute ging
Personifikation
Sie schienen ihm ein köstlich Ding
Rhetorische Frage
Was soll ich mir viel Mühe geben?