Der Fuchs und die Elster
1769Zur Elster sprach der Fuchs: “O! wenn ich fragen mag, Was sprichst du doch den ganzen Tag? Du sprichst wohl von besondern Dingen?” “Die Wahrheit”, rief sie, “breit′ ich aus. Was keines weiß herauszubringen, Bring′ ich durch meinen Fleiß heraus, Vom Adler bis zur Fledermaus.”
“Dürft′ ich”, versetzt der Fuchs, “mit Bitten dich beschweren, So wünscht′ ich mir, etwas von deiner Kunst zu hören.”
So, wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht Und seine Künste rühmt, bald vor, bald rückwärts geht, Sein seidnes Schnupftuch nimmt, sich räuspert und dann spricht: So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder Und strich an einen Zweig den Schnabel hin und wider Und macht ein sehr gelehrt Gesicht. Drauf fängt sie ernsthaft an und spricht:
“Ich diene gern mit meinen Gaben, Denn ich behalte nichts für mich. Nicht wahr, Sie denken doch, daß Sie vier Füße haben? Allein, Herr Fuchs, Sie irren sich. Nur zugehört! Sie werden′s finden, Denn ich beweis′ es gleich mit Gründen.
Ihr Fuß bewegt sich, wenn er geht, Und er bewegt sich nicht, so lang er stille steht; Doch merken Sie, was ich itzt sagen werde, Denn dieses ist es noch nicht ganz. So oft Ihr Fuß nur geht, so geht er auf der Erde. Betrachten Sie nun Ihren Schwanz. Sie sehen, wenn Ihr Fuß sich reget, Daß auch Ihr Schwanz sich mit beweget; Itzt ist Ihr Fuß bald hier, bald dort, Und so geht auch Ihr Schwanz mit auf der Erde fort, So oft Sie nach den Hühnern reisen. Daraus zieh′ ich nunmehr den Schluß, Ihr Schwanz, das sei Ihr fünfter Fuß: Und dies, Herr Fuchs, war zu beweisen.”
Ja, dieses hat uns noch gefehlt; Wie freu′ ich mich, daß es bei Tieren Auch große Geister giebt, die alles demonstrieren! Mir hat′s der Fuchs für ganz gewiß erzählt. Je minder sie verstehn, sprach dieses schlaue Vieh, Um desto mehr beweisen sie.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Fuchs und die Elster" von Christian Fürchtegott Gellert ist eine humorvolle und satirische Erzählung, die die menschliche Natur und das Streben nach Wissen und Anerkennung aufs Korn nimmt. Die Elster, die sich selbst als gelehrt und weise darstellt, versucht, den Fuchs von ihrer Intelligenz zu überzeugen, indem sie ihm eine absurde "Beweisführung" liefert, dass er fünf Füße habe. Die Elster demonstriert damit die Neigung mancher Menschen, sich in komplizierten und unnötigen Erklärungen zu verlieren, um ihre eigene Überlegenheit zu demonstrieren. Der Fuchs, der anfangs neugierig und interessiert wirkt, wird schnell von der langatmigen und verworrenen Rede der Elster gelangweilt. Die Elster hingegen ist so sehr mit sich selbst und ihrer vermeintlichen Weisheit beschäftigt, dass sie nicht bemerkt, wie der Fuchs ihre Argumente als absurd empfindet. Die Elster symbolisiert hier die selbstgefällige und eitle Natur einiger Gelehrter, die ihre Intelligenz zur Schau stellen, ohne dabei auf die Bedürfnisse und Interessen ihres Gegenübers einzugehen. Das Gedicht endet mit einem Seitenhieb auf die menschliche Natur: Je weniger jemand versteht, desto mehr versucht er zu beweisen. Dies ist eine scharfe Kritik an der menschlichen Eitelkeit und dem Drang, sich selbst zu beweisen, selbst wenn die Argumente und Beweise an sich bereits absurd sind. Gellert nutzt die Tiere als Allegorie für menschliches Verhalten und macht sich über die menschliche Eitelkeit und das Streben nach Anerkennung lustig.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Und strich an einen Zweig den Schnabel hin und wider
- Hyperbel
- Und er bewegt sich nicht, so lang er stille steht
- Ironie
- Nur zugehört! Sie werden's finden, Denn ich beweis' es gleich mit Gründen.
- Metapher
- So, wie ein weiser Arzt, der auf der Bühne steht
- Moralische Lehre
- Je minder sie verstehn, sprach dieses schlaue Vieh, Um desto mehr beweisen sie.
- Personifikation
- Der Fuchs spricht mit der Elster.
- Rhetorische Frage
- Nicht wahr, Sie denken doch, daß Sie vier Füße haben?
- Scherz
- Ihr Schwanz, das sei Ihr fünfter Fuß
- Vergleich
- So lief die Elster auch den Ast bald auf, bald nieder