Ich möchte doch wohl von dir wissen,
(Hub einst, gedrungen vom Gewissen,
Der Fuchs zu einem Habicht an)
Was dir das Taubenvolk gethan,
Daß du so oft auf sie ergrimmst,
Und sie zu deinem Raube nimmst?
Der Habicht sprach: Kann dir′s wohl sagen!
Man hat das Amt mir aufgetragen,
Auf Recht und Billigkeit zu sehn;
Als Richter jegliches Vergehn
Scharf zu bestrafen; ohne Schonen
Jedwedem nach Verdienst zu lohnen.
Man muß den Tauben strenge seyn,
Sie fressen Waizen, Erbsen, Lein
Und ließe man sie stets so walten,
Der Landmann würde nichts behalten,
Gut! (sprach der Fuchs) das Ding hat Schein;
Doch warum strafst du nicht den Weih′n,
Und Geier, Adler, Trappen, Raben,
Die so viel Korn zu Schande traben?
Die armen Tauben trifft dein Mord,
Und jenen sagst du nicht ein Wort.
Die sind zu stark, (erwiedert ihm
Der Habicht) voller Ungestüm
Würd′ ihre Wuth vereint mich beißen,
Und mich vielleicht in Stücken reißen.
Du strafst ja auch den armen Hasen,
Der auf dem allgemeinen Rasen
Sonst nichts als Gras und Kräuter ißt,
Und schonst des Wolfs, der Lämmer frißt!
Wir sind hierin wohl gleiche Brüder;
Man schonet uns, wir schonen wieder.
Der Fuchs und der Habicht
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Fuchs und der Habicht“ von Justus Friedrich Wilhelm Zachariae ist eine Fabel, die auf satirische Weise die Doppelmoral und das ungerechte Verhalten der Mächtigen anprangert. Die Geschichte entfaltet sich in einem Dialog zwischen dem Fuchs und dem Habicht, wobei der Fuchs den Habicht aufgrund seiner Ungerechtigkeit zur Rede stellt. Der Habicht, der die Rolle des Richters einnimmt, rechtfertigt sein Vorgehen mit dem Argument, er sei dazu berufen, Vergehen zu bestrafen.
Der Fuchs hinterfragt jedoch die selektive Gerechtigkeit des Habichts. Er weist darauf hin, dass der Habicht nur die schwachen Tauben jagt, während er die stärkeren Raubvögel wie den Weih, Adler, Trappen und Raben verschont, obwohl diese in größerem Ausmaß Schaden anrichten. Die Begründung des Habichts, die mächtigeren Tiere zu schonen, weil er ihre „Wuth“ fürchtet, offenbart die wahre Motivation seines Handelns: Angst und Selbstschutz.
Die Fabel verdeutlicht die Kritik an der Macht, die oft ihre eigenen Interessen schützt und Ungerechtigkeit duldet, solange die Mächtigen verschont bleiben. Die Tatsache, dass der Habicht auch den armen Hasen jagt, während er den Wolf schont, unterstreicht die willkürliche Natur seiner „Gerechtigkeit“. Die abschließende Feststellung des Habichts, „Wir sind hierin wohl gleiche Brüder; Man schonet uns, wir schonen wieder“, enthüllt schließlich die korrupte Natur des Machtgefüges: Gegenseitige Schonung und die Begünstigung der eigenen Art sind die eigentlichen Prinzipien.
Die Sprache des Gedichts ist klar und direkt, typisch für eine Fabel, die eine moralische Botschaft vermitteln soll. Die Verwendung von einfachen Dialogen und anschaulichen Bildern erleichtert das Verständnis der Geschichte und ihrer Kritik. Zachariae nutzt die Tiere als Personifikationen, um die menschlichen Charaktere und ihre Verhaltensweisen zu karikieren und die Leser zum Nachdenken über die Themen Gerechtigkeit, Macht und Korruption anzuregen.
Insgesamt ist „Der Fuchs und der Habicht“ eine zeitlose Fabel, die die Leser dazu auffordert, die vermeintliche Gerechtigkeit der Mächtigen kritisch zu hinterfragen und die Prinzipien der Gleichbehandlung und des fairen Urteils zu reflektieren. Die Geschichte bleibt auch heute noch relevant, da sie universelle Themen der menschlichen Natur und des gesellschaftlichen Zusammenlebens anspricht.
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