Der Fuchs und der Habicht

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae

1850

Ich möchte doch wohl von dir wissen, (Hub einst, gedrungen vom Gewissen, Der Fuchs zu einem Habicht an) Was dir das Taubenvolk gethan, Daß du so oft auf sie ergrimmst, Und sie zu deinem Raube nimmst? Der Habicht sprach: Kann dir′s wohl sagen! Man hat das Amt mir aufgetragen, Auf Recht und Billigkeit zu sehn; Als Richter jegliches Vergehn Scharf zu bestrafen; ohne Schonen Jedwedem nach Verdienst zu lohnen. Man muß den Tauben strenge seyn, Sie fressen Waizen, Erbsen, Lein Und ließe man sie stets so walten, Der Landmann würde nichts behalten, Gut! (sprach der Fuchs) das Ding hat Schein; Doch warum strafst du nicht den Weih′n, Und Geier, Adler, Trappen, Raben, Die so viel Korn zu Schande traben? Die armen Tauben trifft dein Mord, Und jenen sagst du nicht ein Wort. Die sind zu stark, (erwiedert ihm Der Habicht) voller Ungestüm Würd′ ihre Wuth vereint mich beißen, Und mich vielleicht in Stücken reißen. Du strafst ja auch den armen Hasen, Der auf dem allgemeinen Rasen Sonst nichts als Gras und Kräuter ißt, Und schonst des Wolfs, der Lämmer frißt! Wir sind hierin wohl gleiche Brüder; Man schonet uns, wir schonen wieder.

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Illustration zu Der Fuchs und der Habicht

Interpretation

Das Gedicht "Der Fuchs und der Habicht" von Justus Friedrich Wilhelm Zachariae zeigt eine Kritik an ungerechter Rechtsprechung und Heuchelei durch ein Gespräch zwischen einem Fuchs und einem Habicht. Der Habicht rechtfertigt seine Jagd auf Tauben mit seiner Rolle als Richter, der für Recht und Ordnung sorgen soll. Er behauptet, die Tauben würden durch das Fressen von Feldfrüchten Schaden anrichten und müssten daher bestraft werden. Der Fuchs entlarvt jedoch die Doppelmoral des Habichts, indem er auf die größeren Schädlinge wie Krähen, Geier, Adler und Raben hinweist, die der Habicht verschont. Die Begründung des Habichts, dass diese Vögel zu stark und gefährlich für ihn seien, verdeutlicht, dass er nur die Schwachen und Schutzlosen verfolgt, während er sich vor den Mächtigen fürchtet. Diese Ungleichbehandlung und die Auswahl der Opfer nach eigener Bequemlichkeit und Sicherheit stehen im krassen Gegensatz zu den Ansprüchen des Habichts, ein gerechter Richter zu sein. Das Gedicht endet mit einer selbstkritischen Bemerkung des Fuchses, der Parallelen zwischen sich und dem Habicht zieht. Auch der Fuchs verschont den starken Wolf, der Lämmer reißt, während er den schwachen Hasen verfolgt. Diese Einsicht in die eigene Heuchelei unterstreicht die allgemeine menschliche Neigung, sich den Starken anzupassen und die Schwachen zu unterdrücken. Zachariae kritisiert damit die Ungerechtigkeit und Doppelmoral in der Gesellschaft, in der Macht und Stärke oft über Recht und Gerechtigkeit entscheiden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Gleichnis
Der Fuchs vergleicht sich selbst mit dem Habicht, indem er sagt, dass sie beide Gleiche sind, da sie die Schwachen bestrafen und die Starken verschonen.
Ironie
Der Fuchs weist darauf hin, dass der Habicht nur schwache Tiere bestraft, aber starke verschont, was auf die Heuchelei des Habichts hindeutet.
Kontrast
Der Fuchs kontrastiert die Tauben, die nur Gras und Kräuter fressen, mit dem Wolf, der Lämmer frisst.
Metapher
Der Habicht vergleicht sich selbst mit einem Richter, der Recht und Billigkeit wahren soll.
Parallelismus
Der Fuchs verwendet parallele Strukturen, um seine Argumente zu verstärken, wie z.B. 'Du strafst ja auch den armen Hasen, Der auf dem allgemeinen Rasen Sonst nichts als Gras und Kräuter ißt, Und schonst des Wolfs, der Lämmer frißt!'
Personifikation
Der Fuchs und der Habicht führen ein Gespräch, als wären sie Menschen.
Rhetorische Frage
Der Fuchs fragt den Habicht, warum er die Tauben bestraft, aber nicht andere Vögel wie Weih, Geier, Adler, Trappen und Raben.