Der Frühlingstag

Charlotte von Ahlefeld

1781

Wenn über mir das reine Blau der Luft Und rings um mich der Blüthenbäume Duft Den Frühlingstag in mein Gedächtniss ruft, Der unsre Herzen liebend einst verband, Als ich zuerst Dein Innerstes verstand - Dann blick′ ich, wie in meines Glücks Ruinen, Hin auf Dein Grab, um das Cipressen grünen.

Und dann berührt das Bild vergangner Stunden Auf′s neu in mir der ew′gen Trennung Wunden. Dich zu verlieren hatt′ ich Dich gefunden! - Und Thränen fliessen jenem Frühlingstag Und Dir, die Du ihm lächelnd glichest, nach. Doch ach, so heiss, so bitter sie auch rinnen - Sie können nicht der Gruft Dich abgewinnen.

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Illustration zu Der Frühlingstag

Interpretation

Das Gedicht "Der Frühlingstag" von Charlotte von Ahlefeld thematisiert die bittersüße Erinnerung an eine verlorene Liebe. Die Autorin verbindet die Schönheit des Frühlings mit der Trauer um den Verlust eines geliebten Menschen. Die Natur dient als Auslöser für die Erinnerung an die gemeinsamen glücklichen Momente, die nun durch den Tod des Geliebten unwiederbringlich verloren sind. Die Dichterin beschreibt, wie der Duft der blühenden Bäume und der Anblick des blauen Himmels sie an den Frühlingstag erinnern, an dem sie den geliebten Menschen zum ersten Mal wirklich verstand. Diese Erinnerung führt sie zu dessen Grab, das von grünen Zypressen umgeben ist. Die Gegenüberstellung von der lebendigen Natur und dem Grab symbolisiert den Kontrast zwischen Leben und Tod. Die letzten Strophen drücken die tiefe Trauer und den Schmerz über den Verlust aus. Die Dichterin erkennt die Ironie darin, dass sie den Menschen erst durch seinen Tod wirklich gefunden hat. Trotz der intensiven Trauer, die in Form von Tränen zum Ausdruck kommt, bleibt die Erkenntnis, dass diese emotionale Aufwallung den Verstorbenen nicht zurückbringen kann. Die Tränen können die Gruft, in der der Geliebte ruht, nicht überwinden, was die Endgültigkeit des Todes unterstreicht.

Schlüsselwörter

frühlingstag reine blau luft rings blüthenbäume duft gedächtniss

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Stilmittel

Alliteration
Auf's neu in mir der ew'gen Trennung Wunden
Metapher
Sie können nicht der Gruft Dich abgewinnen
Paradox
Dich zu verlieren hatt' ich Dich gefunden!
Personifikation
Und rings um mich der Blüthenbäume Duft