Der Frühling

Friedrich von Hagedorn

1754

Der malerische Lenz kann nichts so sinnreich bilden, Als jene Gegenden von Hainen und Gefilden; Der Anmuth Ueberfluß erquickt dort Aug′ und Brust: O Licht der weiten Felder! O Nacht der stillen Wälder! O Vaterland der ersten Lust!

Dort läßt sich wiederum, in grünenden Trophäen, Des Winters Untergang, der Flor des Frühlings sehen; Sein schmeichelnder Triumph beglücket jede Flur: Die frohen Lerchen fliegen Und singen von den Siegen Der täglich schöneren Natur.

Der Bach, den Eis verschloß und Sonn′ und West entsiegeln, In dem sich Luft und Baum und Hirt′ und Heerde spiegeln, Befruchtet und erfrischt das aufgelebte Land. Dort läßt sich alles sehen, Was Flaccus in den Höhen Des quellenreichen Tiburs fand.

Fast jeder Vogel singt; es schweigen Nord und Klage! Wie schön verbinden sich, zum Muster guter Tage, Die Hoffnung künft′ger Lust, der jetzige Genuß! Ihr stolzen, güldnen Zeiten! Sagt, ob, an Fröhlichkeiten, Auch diese Zeit euch weichen muß.

An Reizung kann mir nichts den holden Stunden gleichen, Da bei dem reinen Quell und in belaubten Sträuchen Die alte Freundschaft scherzt, die junge Liebe lacht. Am Morgen keimt die Wonne Und steiget mit der Sonne Und blüht auch in der kühlen Nacht.

Es spielen Luft und Laub; es spielen Wind und Bäche; Dort duften Blum′ und Gras; hier grünen Berg und Fläche; Das muntre Landvolk tanzt; der Schäfer singt und ruht: Die sichern Schafe weiden, Und allgemeine Freuden Erweitern gleichfalls mir den Muth.

Es soll den Wald ein Lied von Phyllis Ruhm erfreuen; Den Frühling will ich ihr und sie dem Frühling weihen. Sie sind einander gleich, an Blüt′ und Lieblichkeit. Ihr frohnen meine Triebe, Ihr schwör′ ich meine Liebe, Für′s erste bis zur Sommerszeit.

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Illustration zu Der Frühling

Interpretation

Das Gedicht "Der Frühling" von Friedrich von Hagedorn feiert die Schönheit und Erneuerung der Natur im Frühling. Der Dichter preist die malerischen Landschaften, die durch Hain und Gefilde geprägt sind, und betont die erfrischende Wirkung auf Auge und Brust. Er vergleicht die weiten Felder mit Licht und die stillen Wälder mit Nacht, wobei das Vaterland als Ort der ersten Lust beschrieben wird. Die Natur wird als triumphierend über den Winter dargestellt, wobei der Frühling in grünen Trophäen sichtbar wird. Die Lerchen fliegen und singen von den Siegen der täglich schöneren Natur. Der Bach, der durch Eis und Sonne befreit wird, spiegelt Luft, Bäume, Hirten und Herden wider und befruchtet sowie erfrischt das Land. Der Dichter vergleicht diese Szenerie mit den Höhen des quellenreichen Tiburs, die der römische Dichter Flaccus besungen hat. Der Frühling wird als Zeit der Hoffnung und des Genusses beschrieben, in der fast jeder Vogel singt und die Klage verstummt. Der Dichter fragt, ob selbst die stolzen, goldenen Zeiten der Vergangenheit dieser Zeit des Frohsinns weichen müssen. Die alten Freundschaften scherzen und die junge Liebe lacht an den klaren Quellen und in den belaubten Sträuchern. Die Freude keimt am Morgen, steigt mit der Sonne und blüht auch in der kühlen Nacht. Die spielerische Natur, mit tanzendem Volk, singenden und ruhenden Schäfern sowie weidenden Schafen, erweitert den Mut des Dichters. Er widmet ein Lied dem Ruhm von Phyllis und weiht ihr den Frühling, da sie einander gleich sind in Blüte und Lieblichkeit. Der Dichter schwört seine Liebe ihr für die erste Zeit bis zur Sommerszeit.

Schlüsselwörter

kann nacht lust läßt sehen luft singt liebe

Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
[Dort läßt sich alles sehen Es spielen Luft und Laub; es spielen Wind und Bäche]
Aufruf
[Ihr stolzen, güldnen Zeiten! Sagt, ob, an Fröhlichkeiten, Auch diese Zeit euch weichen muß]
Metapher
[Der malerische Lenz kann nichts so sinnreich bilden, Als jene Gegenden von Hainen und Gefilden Des Winters Untergang, der Flor des Frühlings sehen]
Personifikation
[Der Anmuth Ueberfluß erquickt dort Aug′ und Brust Die frohen Lerchen fliegen Und singen von den Siegen]
Symbolik
[Der Bach, den Eis verschloß und Sonn′ und West entsiegeln]