Der Frosch, ein Doktor

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae

1771

Aus einem Teiche voller Rohr Kroch einst ein dicker Frosch hervor; Die Zeit ward ihm im Wasser lang, Er nahm zur Lust d′rum einen Gang Hin nach dem nächsten grünen Wald, Dem angenehmen Aufenthalt Von manchem groß′ und kleinen Thier. Da stieg er voller Ruhmbegier Auf einen runden Eichenklotz, Sah um sich her mit edlem Trotz; Und als sich auf den Blumenmatten Viel Thier′ um ihn versammelt hatten, Blies er die Backen auf und sprach: Fühlt etwan wer ein Ungemach An Leber, Lunge, Milz und Herzen; Hat einer Pein, und große Schmerzen Von Podagra, von Stein und Gicht; Hat einer keine Oeffnung nicht; Ist er von hektischer Natur; Liegt er am Fieber, an der Ruhr, An Cachexie, Epilepsie, An Agrypnie, Hydropisie; Hat er den Appetit verloren, Fühlt Sausen, Brausen in den Ohren - Der trete dreist zu mir heran, Und nehme von mir Tropfen an! Honnette Herr′n nach Standsgebühr, Sie sehn den größten Doktor hier! Ich bin die halbe Welt durchreist, Und meinen großen Namen preist Paris und London, Wien und Rom, Der Rhein, der Main, der Donaustrom, Denn Alles hab′ ich ausstudirt, Und Tausende hab′ ich kurirt!

Die Thiere glaubten ihm zum Theil, Und kamen schon in großer Eil′ Von allen Ecken hergelaufen, Um Arzenei von ihm zu kaufen; Da rief der Fuchs: Ihr armen Thoren! Sagt, habt ihr den Verstand verloren? Seht euren Doktor doch recht an, Er ist ja selber übel d′ran! Die Augen stehn ihm aus dem Kopf, Die Brust kocht wie ein alter Topf, Der Mund ist blaß, der Fuß geschwollen; Der dicke Bauch hervorgequollen; Kann Er hievon sich nicht befrei′n, Wie will er And′rer Doktor seyn?

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Illustration zu Der Frosch, ein Doktor

Interpretation

Das Gedicht "Der Frosch, ein Doktor" von Justus Friedrich Wilhelm Zachariae handelt von einem Frosch, der sich selbst zum Arzt erklärt und mit großspurigen Worten seine Heilkräfte anpreist. Der Frosch behauptet, die halbe Welt bereist und unzählige Krankheiten geheilt zu haben, und fordert die Tiere auf, zu ihm zu kommen, um von seinen Tropfen zu profitieren. Die Tiere sind zunächst beeindruckt von den Worten des Frosches und kommen in großer Eile zu ihm, um seine Arznei zu kaufen. Doch der Fuchs durchschaut die Prahlerei des Frosches und weist darauf hin, dass dieser selbst in einem äußerst schlechten gesundheitlichen Zustand ist. Die Augen des Frosches stehen hervor, die Brust kocht, der Mund ist blass, der Fuß geschwollen und der Bauch dick und hervorquellend. Das Gedicht ist eine satirische Kritik an selbsternannten Experten und Scharlatanen, die mit leeren Versprechungen und übertriebenen Behauptungen andere täuschen wollen. Es zeigt, dass man vorsichtig sein sollte, wem man sein Vertrauen schenkt, und dass wahre Kompetenz sich nicht nur in Worten, sondern auch im eigenen Handeln und in der eigenen Gesundheit widerspiegeln sollte.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Fühlt etwan wer ein Ungemach An Leber, Lunge, Milz und Herzen
Anapher
Hat einer Pein, und große Schmerzen Von Podagra, von Stein und Gicht; Hat einer keine Oeffnung nicht
Hyperbel
Ich bin die halbe Welt durchreist, Und meinen großen Namen preist Paris und London, Wien und Rom, Der Rhein, der Main, der Donaustrom
Ironie
Honnette Herr'n nach Standsgebühr, Sie sehn den größten Doktor hier!
Kontrast
Seht euren Doktor doch recht an, Er ist ja selber übel d'ran!
Metapher
Die Brust kocht wie ein alter Topf
Personifikation
Aus einem Teiche voller Rohr Kroch einst ein dicker Frosch hervor