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Der Frosch, ein Doktor
Aus einem Teiche voller Rohr
Kroch einst ein dicker Frosch hervor;
Die Zeit ward ihm im Wasser lang,
Er nahm zur Lust d′rum einen Gang
Hin nach dem nächsten grünen Wald,
Dem angenehmen Aufenthalt
Von manchem groß′ und kleinen Thier.
Da stieg er voller Ruhmbegier
Auf einen runden Eichenklotz,
Sah um sich her mit edlem Trotz;
Und als sich auf den Blumenmatten
Viel Thier′ um ihn versammelt hatten,
Blies er die Backen auf und sprach:
Fühlt etwan wer ein Ungemach
An Leber, Lunge, Milz und Herzen;
Hat einer Pein, und große Schmerzen
Von Podagra, von Stein und Gicht;
Hat einer keine Oeffnung nicht;
Ist er von hektischer Natur;
Liegt er am Fieber, an der Ruhr,
An Cachexie, Epilepsie,
An Agrypnie, Hydropisie;
Hat er den Appetit verloren,
Fühlt Sausen, Brausen in den Ohren –
Der trete dreist zu mir heran,
Und nehme von mir Tropfen an!
Honnette Herr′n nach Standsgebühr,
Sie sehn den größten Doktor hier!
Ich bin die halbe Welt durchreist,
Und meinen großen Namen preist
Paris und London, Wien und Rom,
Der Rhein, der Main, der Donaustrom,
Denn Alles hab′ ich ausstudirt,
Und Tausende hab′ ich kurirt!
Die Thiere glaubten ihm zum Theil,
Und kamen schon in großer Eil′
Von allen Ecken hergelaufen,
Um Arzenei von ihm zu kaufen;
Da rief der Fuchs: Ihr armen Thoren!
Sagt, habt ihr den Verstand verloren?
Seht euren Doktor doch recht an,
Er ist ja selber übel d′ran!
Die Augen stehn ihm aus dem Kopf,
Die Brust kocht wie ein alter Topf,
Der Mund ist blaß, der Fuß geschwollen;
Der dicke Bauch hervorgequollen;
Kann Er hievon sich nicht befrei′n,
Wie will er And′rer Doktor seyn?
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Frosch, ein Doktor“ von Justus Friedrich Wilhelm Zachariae ist eine satirische Fabel, die die Eitelkeit und Unfähigkeit von Möchtegern-Ärzten, sowie die Dummheit des Publikums, das diesen blind vertraut, kritisiert. Der Frosch, der sich selbst zum Doktor ernennt, prahlt mit seinem angeblichen Wissen und seinen Heilkünsten und gibt vor, alle Krankheiten heilen zu können. Sein selbstbewusstes Auftreten und seine protzige Sprache, die eine lange Liste von Krankheiten aufzählt, sollen seine Kompetenz unterstreichen, werden aber letztendlich durch sein eigenes, offensichtliches Unwohlsein ad absurdum geführt.
Die Satire entfaltet sich in der Kontrastierung zwischen dem Anspruch des Frosches und seinem tatsächlichen Zustand. Der Frosch, der sich als Heiler der halben Welt gerühmt hat, ist selbst krank und leidet unter Symptomen, die auf eine schwere Erkrankung hindeuten. Sein „dicker Bauch“, die „aus dem Kopf stehenden Augen“, die „blassen Mund“ und der „geschwollene Fuß“ machen seine Behauptungen unglaubwürdig. Diese Diskrepanz dient als Kern der satirischen Kritik und entlarvt die Sinnlosigkeit seiner Prahlerei. Zachariae nutzt geschickt die Form einer Fabel, um die Botschaft leicht verständlich zu vermitteln und gleichzeitig die menschlichen Schwächen auf humorvolle Weise zu karikieren.
Der Fuchs, der als Stimme der Vernunft auftritt, deckt die Täuschung auf und rettet die anderen Tiere vor dem Betrug. Seine Frage an die Tiere, ob sie den Verstand verloren hätten, unterstreicht die Absurdität der Situation. Durch die Beobachtung des Frosches und die Beschreibung seines Zustands, demaskiert er den Hochstapler und macht die Doppelmoral der Situation deutlich. Der Fuchs fungiert als eine Art moralische Instanz, die das Publikum vor dem Irrglauben warnt, sich von oberflächlichen Eindrücken und leeren Versprechungen täuschen zu lassen.
Die Verwendung von Reimen und einer lebendigen Sprache, die leicht verständlich ist, trägt zur Wirkung der Satire bei. Zachariae nutzt eine Mischung aus humorvollen und ironischen Elementen, um das Publikum zu unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken anzuregen. Das Gedicht ist eine Kritik an der Leichtgläubigkeit des Publikums und an denjenigen, die versuchen, sich durch falsche Versprechungen und einen aufgeblasenen Ruf einen Vorteil zu verschaffen. Es ist eine zeitlose Mahnung, kritisch zu denken und sich nicht von äußeren Schein täuschen zu lassen.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.