Der Friedhof im Gebirge

Anastasius Grün

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Friedhof der Alpen, deine Hügel schwellen So friedensgrün am Tannenwald vor mir, Als schlüge seine leisen grünen Wellen Der stille Ozean des Todes hier.

Nicht hast du nach der Städter Art umzogen Mit blanken Mauern rings den Wellenschwall! Die sanften Hügel, als empörte Wogen, Durchbrächen, überfluthend, bald den Wall!

Auf ihnen wogen nicht im fahlen Schimmer Steinkreuze, Säulen, Katafalke fort, Und Urnen, Pyramiden, gleichwie Trümmer Vom Wrack des Lebensschiffs, gestrandet dort!

Nein, sie verspülen sanft und frei! – Entstiegen Ist draus ein Kreuz allein, kunstlos und schlicht, Als Leuchtthurm wohl, der, wenn die Sterne schwiegen, Auf diese dunkle See ausgießt sein Licht.

Der Vollmond quillt durch dunkle Tannenreiser Und mündet seinen Lichtquell wellenwärts. Die Waldeswipfel flüstern immer leiser, Und stiller Meeresfahrt gedenkt das Herz.

Du träumst, dein Haupt verhüllt in Silberschleiern, Und ahnst, o Tannenbaum, wie du als Kahn Einst wirst hinaus ein Kind des Friedens steuern In diesen stillen grünen Ozean!

O Tod, du warst, Ungleiches auszugleichen, Doch allzuhart und gar zu eifrig hier! Ach, keine Inschrift und kein Liebeszeichen, Nur leises Ahnen nennt die Schläfer mir!

Ein Hirte wohl ruht hier im duft’gen Rasen: Ich seh’ ja frei um seinen grünen Rain Die Alpenheerde in den Kräutern grasen; Und wo die Heerde, muß der Hirte sein!

Ein Jäger träumt da unter kühler Decke: Mir sagt’s das Rehlein, weidend hier bei Nacht, Als ob es sanft die todte Hand ihm lecke; Wem wäre sonst so milde Rach’ erdacht?

Ein Schnitter schlummert dort am fernen Saume: Ich seh’ es an der Blumen selt’nem Tanz, Als wühle seine Hand darin im Traume, Zu flechten sie zum heit’ren Erntekranz!

Doch will zum Grab des Lieben Liebe wandern, Auf welches ströme sie den Thränenzoll? Nun, was verschlägt’s, erquickt er einen Andern, Zu dem vielleicht noch keine Zähre quoll?!

O Trauer, suchst du nur nach Einer Welle? Und ist das ganze dunkle Meer doch dein! Dünkt dir ein einzig Sternlein tröstend helle? Dein soll der ganze Strahlenhimmel sein!

O Liebe, spähst du nur nach Einem Halme? Die ganze Erde fiel dir ja zum Loos! Verletze nicht die Tanne ob der Palme, Nicht ob des Blumenstrauchs das arme Moos!

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Illustration zu Der Friedhof im Gebirge

Interpretation

Das Gedicht "Der Friedhof im Gebirge" von Anastasius Grün beschreibt einen Friedhof in den Alpen als einen friedlichen und harmonischen Ort. Der Dichter vergleicht die grünen Hügel des Friedhofs mit den leisen Wellen eines stillen Ozeans des Todes. Im Gegensatz zu städtischen Friedhöfen fehlen hier die üblichen Grabsteine und Denkmäler, stattdessen gibt es nur ein einziges, schlichtes Kreuz, das wie ein Leuchtturm in der Dunkelheit strahlt. Der Vollmond erhellt die Szenerie und lässt die Gedanken an eine stille Meeresfahrt aufkommen. Der Dichter träumt davon, dass eines Tages ein Kind des Friedens auf einem Tannenbaum-Kahn in diesen stillen grünen Ozean hinaussteuern wird. Der Tod wird als bemüht um Ausgleich und Harmonie beschrieben, aber auch als zu hart und eifrig. Die Schläfer auf dem Friedhof werden nur durch leises Ahnen erkannt, da es keine Inschriften oder Liebeszeichen gibt. Der Dichter stellt sich vor, dass auf dem Friedhof ein Hirte, ein Jäger und ein Schnitter ruhen. Anhand von Symbolen wie der Alpenheerde, dem Rehlein und den Blumen erkennt er ihre Anwesenheit. Der Dichter fragt sich, wem man die Tränen der Liebe widmen soll, wenn der Geliebte bereits erquickt wurde und vielleicht noch keine Träne für ihn geflossen ist. Er ermutigt zur Trauer und Liebe für das Ganze, nicht nur für Einzelne, und fordert auf, die Vielfalt der Natur und des Lebens zu schätzen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
nicht ob des Blumenstrauchs das arme Moos
Personifikation
Mir sagt’s das Rehlein
Vergleich
als empörte Wogen