Der fremde Buhle
1837Ein Mädchen stand am Abend Vor ihres Hauses Thür: Der Mond trat aus den Wolken Mit blassem Schein herfür.
Da kam ein junger Reiter Und nahm sie bei der Hand Und spielt in ihren Locken Und mit dem Busenband.
Und unter’m Federhute Quoll fein goldlockig Haar! Und sein Gesicht viel süßer Noch als das Mondlicht war.
Und schmeichelnd klang die Stimme, Und in des Mädchens Brust Wogt’ unbekanntes Drängen, Wie Schmerz halb und wie Lust!
Und als er lang’ geschmeichelt, Ließ sie den Knaben ein In ihrer stillen Klause Verschlossen Kämmerlein.
Und faßt ihn in die Arme Und blickt ihm in’s Gesicht; – Da traf sie jäher Schrecken – Es war Antlitz nicht!
Ein Todtenschädel grins’te Sie hohlen Auges an; »Hilf Jesus!« schrie sie weinend, Und all’ ihr Blut gerann! –
Die Dirne liegt im Wahnsinn Nun schon in’s dritte Jahr; Sie konnte nie erfahren, Wer doch ihr Buhle war!
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Interpretation
Das Gedicht "Der fremde Buhle" von Joseph Christian von Zedlitz handelt von einem Mädchen, das eines Abends von einem geheimnisvollen Reiter verführt wird. Der Mond erhellt die Szene, als der junge Mann auf einem Pferd erscheint und das Mädchen in seinen Bann zieht. Er spielt mit ihren Locken und ihrem Busenband, während seine goldgelockten Haare unter seinem Hut hervorquellen. Seine Stimme klingt schmeichelnd, und in der Brust des Mädchens erwacht ein unbekanntes Drängen, das sowohl schmerzhaft als auch lustvoll ist. Das Mädchen lässt den jungen Mann schließlich in ihr stilles, verschlossenes Kämmerlein ein. In einer innigen Umarmung blickt sie ihm ins Gesicht, doch plötzlich überkommt sie ein jäher Schrecken. Anstelle des attraktiven Gesichts starrt sie ein Totenschädel an, der sie mit hohlen Augen anlächelt. Das Mädchen schreit verzweifelt "Hilf Jesus!" und ihr Blut gerinnt vor Entsetzen. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis, dass das Mädchen seit drei Jahren im Wahnsinn liegt und nie herausfinden konnte, wer ihr geheimnisvoller Buhle wirklich war. Die Geschichte ist eine düstere Allegorie auf die Gefahren der Verführung und die unausweichliche Konfrontation mit dem Tod.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- Und unter'm Federhute Quoll fein goldlockig Haar!
- Ironie
- Und als er lang' geschmeichelt, Ließ sie den Knaben ein In ihrer stillen Klause Verschlossen Kämmerlein.
- Metapher
- Und in des Mädchens Brust Wogt' unbekanntes Drängen, Wie Schmerz halb und wie Lust!
- Personifikation
- Der Mond trat aus den Wolken Mit blassem Schein herfür.
- Symbolik
- Ein Todtenschädel grins'te Sie hohlen Auges an