Der Föhn
Der Atem stockt; denn schwer und trunken schmiegt
sich heut der Tag der Erde an
und eines dummen Vogels Lied fliegt,
fliegt, ein Ding das noch nicht fliegen kann
und immer wieder gleich zur Erde fällt,
ängstlich durch die wüstenwarme Welt
und regt mich auf! Wie sich der Tag
mit unerträglich weicher Schwere
drängt in dieses jungen Vogels Lied!
Und himmelan mit Hast und Flügelschlag
flattert in die kühle braune Leere!
Und ihn ewige Ermattung mit
tausend Armen immer wieder niederzieht!
Doch auf den Bergen lauert schon der Föhn
und wird noch über Nacht aus seinen Höhn
und Wolkenhallen
brausend in die Ebne fallen!
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Föhn“ von Gustav Sack beschreibt eindrücklich die beklemmende Atmosphäre, die von einem Föhnsturm begleitet wird, und spiegelt dabei innere Unruhe wider. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der drückenden Schwüle, die die Luft erfüllt. Der „Atem stockt“, was ein Gefühl der Enge und des Unbehagens vermittelt. Der Tag „schmiegt sich … der Erde an“, was eine Schwere und Trägheit impliziert, die die Umgebung erfasst.
Das Gedicht verstärkt dieses Gefühl der Beklemmung durch das Bild eines „dummen Vogels“, dessen Lied scheitert. Das wiederholte „fliegt, / fliegt“ verstärkt die Anstrengung des Vogels, die aber letztlich erfolglos ist. Der Vogel versucht zu fliegen, scheitert aber immer wieder, was die Unfähigkeit der Natur widerspiegelt, sich der erdrückenden Atmosphäre zu entziehen. Dies erzeugt ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit und des Scheiterns, das auch auf den Betrachter übertragen wird. „Ängstlich durch die wüstenwarme Welt“, verstärkt das Gefühl von Gefahr und Unsicherheit.
Der zweite Teil des Gedichts fokussiert auf die Aufgewühltheit des lyrischen Ichs. Die „unerträglich weiche Schwere“ des Tages wird als eine Belastung empfunden. Der „junge Vogel“ symbolisiert hier die Unfähigkeit, der Schwere zu entkommen, und die „kühle braune Leere“, in die er flüchtet, scheint tröstlich, wird aber durch die „ewige Ermattung“ und die „tausend Armen“ der Schwerkraft wieder zurückgezogen. Hier wird die innere Zerrissenheit des lyrischen Ichs deutlich, das sich vom Föhn aufgewühlt fühlt und sich nach Ruhe sehnt.
Der dritte Teil des Gedichts kündigt den eigentlichen Föhnsturm an. Der „Föhn“, der auf den Bergen lauert, wird als Naturgewalt dargestellt, die mit „brausend[em]“ Zorn in die Ebene stürzen wird. Diese Ankündigung einer gewaltsamen Veränderung deutet auf eine Befreiung von der drückenden Schwüle hin, auch wenn sie mit Sturm und Unruhe verbunden ist. Das Gedicht fängt somit die Ambivalenz des Föhns ein: Er ist sowohl Auslöser von Unbehagen als auch Vorbote einer ersehnten Veränderung.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.