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Der Fluß

Von

In den abendgelben Fluß
grub mein Ruder schwarze Trichter;
ohne Won und ohne Kuß
sahn wir auf die Wellenlichter,
sahn wir eine dunkle Bucht
still das kahle Ufer spiegeln,
sahn der Berge starre Wucht
seine wirbelvolle Flucht
vor uns, hinter uns verriegeln.

Als wir dann um Mittemacht
in der Stadt mit Flüsterlauten
auf der hohen Brückenwacht
standen und hinunterschauten,
schienen uns die schwarzen Mauem
in dem grauen Wasserschacht
ihren Einsturz zu belauem.

Still, die Sonne kommt herauf.
Klar verfolgen meine Träume
bis zum Meer hin seinen Lauf;
fern durch morgenrote Bäume
steigt der blaue Nebel auf.

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Gedicht: Der Fluß von Richard Dehmel

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Fluß“ von Richard Dehmel zeichnet ein Stimmungsbild, das die Bewegung, die Dunkelheit und das Aufgehen des Lichts miteinander verbindet. Es beginnt mit der Beschreibung einer Bootsfahrt bei abendlichem Licht auf einem Fluß, der durch die dunklen Ruder des Erzählers gestört wird. Die Szenerie wirkt melancholisch und ruhig, geprägt von der Beobachtung der Natur und dem Gefühl der Abgeschiedenheit. Die „Wellenlichter“, die „dunkle Bucht“ und das „kahle Ufer“ erzeugen eine Atmosphäre der Einsamkeit und des Innehaltens, während die „Berge“ wie eine Mauer die Flucht versperren.

In der zweiten Strophe wechselt die Szene in die Stadt bei Nacht. Der Übergang wird durch die „hohe Brückenwacht“ markiert, von der aus der Erzähler und seine Begleitung in den Fluß hinunterschauen. Die „schwarzen Mauern“ der Stadt, die sich im Wasser spiegeln, erscheinen bedrohlich und scheinen auf einen „Einsturz“ zu warten. Dieser Abschnitt des Gedichts verstärkt das Gefühl der Spannung und der Verzweiflung, das durch die nächtliche Umgebung und die dunklen Reflexionen im Wasser noch verstärkt wird. Die Stadt wird hier zu einem Ort der Bedrohung, der das Gefühl der Isolation des Einzelnen widerspiegelt.

Die letzte Strophe markiert einen deutlichen Wandel. Die Sonne geht auf, und mit dem Licht kommt die Hoffnung. Der „blaue Nebel“ steigt auf, und die „Träume“ des Erzählers, getragen vom Fluß, verfolgen ihren Lauf bis zum „Meer“. Dies deutet auf einen Neubeginn und eine Vision von Weite und Freiheit hin. Die Morgenröte und die aufsteigenden Nebel symbolisieren die Überwindung der Dunkelheit und das Wiederfinden von Klarheit und Hoffnung. Der Fluß, der zuvor ein Ort der Melancholie war, wird nun zum Wegweiser für eine Reise ins Unbekannte, aber auch in eine Zukunft voller Möglichkeiten.

Dehmels Gedicht ist ein Meisterwerk der Stimmungsbeschreibung. Es fängt die wechselnden Emotionen des Erzählers ein, von der Stille und Melancholie der Flussfahrt über die beklemmende Atmosphäre der nächtlichen Stadt bis hin zum Aufbruch in die Helligkeit und die Hoffnung des Morgens. Der Fluß dient hier als Metapher für den Lauf des Lebens, der sowohl dunkle als auch helle Phasen umfasst. Die Bilder sind klar und eindrucksvoll, wodurch das Gedicht eine starke emotionale Wirkung entfaltet.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.