Der Flüchtling

Friedrich von Schiller

1879

Frisch atmet des Morgens lebendiger Hauch, Purpurisch zuckt durch düstrer Tannen Ritzen Das junge Licht und äugelt aus dem Strauch; In goldnen Flammen blitzen Der Berge Wolkenspitzen. Mit freudig melodisch gewirbeltem Lied Begrüßen erwachende Lerchen die Sonne, Die Schon in lachender Wonne Jugendlich schön in Aurora′s Umarmungen glüht.

Sei, Licht, mir gesegnet! Dein Strahlenguss regnet Erwärmend hernieder auf Anger und Au. Wie silberfarb flittern Die Wiesen, wie zittern Tausend Sonnen in perlendem Tau!

In säuselnder Kühle Beginnen die Spiele Der jungen Natur. Die Zephyre kosen Und schmeicheln um Rosen, Und Düfte beströmen die lachende Flur.

Wie hoch aus den Städten die Rauchwolken dampfen! Laut wiehern und schnauben und knirschen und strampfen Die Rosse, die Farren; Die Wagen erknarren Ins ächzende Tal. Die Waldungen leben, Und Adler und Falken und Habichte schweben, Und wiegen die Flügel im blendenden Strahl.

Den Frieden zu finden, Wohin soll ich wenden Am elenden Stab? Die lachende Erde Mit Jünglingsgebärde Für mich nur ein Grab!

Steig′ empor, o Morgenrot, und röte Mit purpurnem Kusse Hain und Feld! Säus′le nieder, Abendrot, und flöte Sanft in Schlummer die erstorbne Welt! Morgen - ach! Du rötest Eine Totenflur, Ach! Und Du, o Abendrot! Umflötest Meinen langen Schlummer nur.

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Illustration zu Der Flüchtling

Interpretation

Das Gedicht "Der Flüchtling" von Friedrich von Schiller beginnt mit einer lebendigen Morgenszene, in der die Natur erwacht. Die Morgensonne bricht durch die Tannen, die Berge glühen in goldenen Flammen und die Lerchen begrüßen die Sonne mit melodischem Gesang. Diese lebendige und fröhliche Atmosphäre wird durch die Beschreibung der erwachenden Natur noch verstärkt. Die Wiesen flimmern silbrig, Tausende von Sonnen tanzen im Tau, und die Zephyren kosen und schmeicheln um die Rosen. Die Natur wird als jung, lebendig und voller Energie dargestellt. Im zweiten Teil des Gedichts wechselt die Stimmung. Die Geräusche der Stadt dringen in die natürliche Idylle ein: Pferde wiehern und schnauben, Wagen knarren und ächzen. Die Adler, Falken und Habichte schweben über den Waldungen, doch diese natürliche Schönheit kann den Flüchtling nicht trösten. Er fühlt sich einsam und verlassen, die lachende Erde ist für ihn nur ein Grab. Die Natur, die einst so lebendig und voller Energie war, erscheint ihm nun als ein Ort des Todes und der Einsamkeit. Im letzten Teil des Gedichts bittet der Flüchtling das Morgenrot und das Abendrot um Trost. Er wünscht sich, dass das Morgenrot mit seinem purpurnen Kuss die Felder und Haine röte und das Abendrot sanft in den Schlummer der erstorbenen Welt flöte. Doch selbst diese Bitten um Trost bleiben unerfüllt. Das Morgenrot rötet nur eine Totenflur und das Abendrot umfließt nur seinen langen Schlummer. Der Flüchtling bleibt in seiner Einsamkeit und Verzweiflung gefangen, die Natur kann ihm keinen Trost spenden.

Schlüsselwörter

licht lachende abendrot schlummer frisch atmet morgens lebendiger

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Stilmittel

Alliteration
Lerchen die Sonne
Hyperbel
Tausend Sonnen in perlendem Tau
Metapher
Umflötest Meinen langen Schlummer nur
Personifikation
Morgenrot, und röte