Der Flüchtling
1914Da sich mein Leib in jener Gärten Zaubergrund verirrte, Wo blauer Schierling zwischen Stauden dunkler Tollkirschblüten stand, Was hilft es, daß ein später Tagesschein den Knäuel bunter Fieberträume mirentwirrte, Und durch das Frösteln grauer Morgendämmerungen sich mein Fuß den Ausweg fand?
Von jener Nächte frevelvollen Seligkeiten Gärt noch mein Blut so wie mit fremdem Fiebersaft beschwert Und aus dem Schwall der Stunden, die wie hingejagte Wolken mir entgleiten, Bleibt tief mein Traum wie über blaue Heimatseen in sich selbst gekehrt.
Um meines Lebens ungewisse Schalen neigen Und drängen sich die Bilder, die aus Urwaldskelchen aufgeflogen sind, Und meine Wünsche wollen, wilde Vogelschwärme, in die Tannenwipfel steigen, Und meine Seele schreit, wehrlose Wetterharfe unterm Wind.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Flüchtling" von Ernst Stadler beschreibt die innere Zerrissenheit und Desorientierung eines Menschen, der sich in einer fremden, bedrohlichen Umgebung verloren fühlt. Die Gartenmetapher am Anfang symbolisiert einen Ort der Verwirrung und Gefahr, wo der Sprecher von "blauer Schierling" und "dunkler Tollkirschblüten" umgeben ist, was auf eine giftige und berauschende Atmosphäre hindeutet. Die "bunten Fieberträume" und das "Frösteln grauer Morgendämmerungen" verdeutlichen den Zustand der Ungewissheit und des Ausgeliefertseins, aus dem der Sprecher nur mühsam einen Ausweg findet. Die zweite Strophe vertieft das Bild der inneren Verwirrung und des Fiebers, das noch immer im Blut des Sprechers wütet. Die "frevelvollen Seligkeiten" der Nacht haben eine nachhaltige Wirkung, die sich in einem anhaltenden Fiebersaft manifestiert. Die Stunden entgleiten wie "hingejagte Wolken", doch der Traum bleibt tief und selbstbezogen, wie über "blaue Heimatseen". Dies deutet auf eine Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat und eine Unfähigkeit hin, sich vollständig von den vergangenen Erlebnissen zu lösen. In der letzten Strophe wird die Unsicherheit des Lebens und die Überwältigung durch Bilder und Wünsche betont. Die "ungleiche Schalen" des Lebens neigen sich, und die Bilder, die aus "Urwaldskelchen" aufsteigen, drängen sich auf. Die Wünsche, verglichen mit "wilden Vogelschwärmen", streben danach, in die "Tannenspitzen" zu steigen, was auf ein Streben nach Freiheit und Transzendenz hindeutet. Die Seele wird als "wetterhafte Harfe" beschrieben, die dem Wind ausgeliefert ist, was die Hilflosigkeit und das Gefühl des Ausgeliefertseins des Sprechers unterstreicht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- meine Seele schreit, wehrlose Wetterharfe unterm Wind
- Personifikation
- daß ein später Tagesschein den Knäuel bunter Fieberträume mirentwirrte