Der Fischer von Gotin

August Kopisch

1799

Was regt sich dort um Mitternacht? Elz hat das Netz zu Strand gebracht, Die Havel hegt viel Fische. Da rufts von drüben mit fremdem Laut: »Hol über!« so wüst daß Eulen graut, Elz aber frägt: Wer ruft da? »Hol über!« rufts mit grimmem Ton; Ein andrer wär da bald entflohn, Elz aber ruft: Wer seid ihr? »Hol über!« rufts mit solcher Wut, Daß her zum Nachen rauscht die Flut, Elz aber nimmt das Ruder, Kennt keine Furcht und keinen Schreck, Er springt ins Schiff und rudert keck, Bis er gelangt zum Strande. Da schleppt sich herab aus wildem Wald Eine riesig dunkle Graungestalt Ins Schiff wie mit bleiernen Füßen, So schwer, daß fast es niedergeht. Doch Elz stößt ab das Boot und steht Hochschwebend am andern Ende. Wie auch das schwanke Holz erkracht, Elz stehet fest und lenkts mit Macht Hin durch den Strom der Havel. Der Fremde blickt ihn furchtbar an, Elz wieder ihn, als echter Mann, Und schwingt gemach das Ruder. Und wie er kommt zum andern Strand Steigt schweren Tritts der Gast ans Land, Elz aber heischt das Fährgeld. »Es liegt im Schiff worin ich saß, Den keiner zu fahren sich je vermaß Als du allein, du Kühner! Denn wisse, daß der Tod ich bin: Ich ziehe vor Tage nach Gotin Und alles wird da sterben. Nur du sollst spät mich sonder Graun Mit leichten Flügeln wiederschaun Als sanften Seelenlöser.«

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Illustration zu Der Fischer von Gotin

Interpretation

Das Gedicht "Der Fischer von Gotin" von August Kopisch erzählt die Geschichte des Fischers Elz, der in der Nacht an den Strand gerufen wird. Ein geheimnisvoller Ruf verlangt von ihm, über den Fluss Havel zu fahren. Trotz der unheimlichen Atmosphäre und der wilden Rufe lässt sich Elz nicht einschüchtern und rudert mutig zu dem unbekannten Ufer. Dort erwartet ihn eine riesige, dunkle Gestalt, die sich schwer ins Boot schleppt. Elz behält jedoch die Fassung und steuert das Boot sicher über den Fluss. Die Begegnung mit dem Fremden offenbart sich als ein Zusammentreffen mit dem Tod selbst. Der Tod erklärt, dass er nach Gotin zieht, um alles zu töten, was dort lebt. Elz ist der Einzige, der sich getraut hat, ihn zu überfahren, und deshalb wird ihm eine besondere Rolle zuteil. Der Tod prophezeit, dass Elz ihn erst spät wiedersehen wird, aber dann als sanfter Seelenlöser, ohne Furcht. Diese Begegnung verleiht Elz eine einzigartige Bestimmung und hebt ihn von den anderen ab. Das Gedicht thematisiert Mut, Schicksal und die Unausweichlichkeit des Todes. Elz' Tapferkeit und seine Bereitschaft, das Unbekannte zu konfrontieren, führen zu einer tiefgreifenden Erkenntnis über das Leben und den Tod. Die Begegnung mit dem Tod ist nicht nur bedrohlich, sondern auch erlösend, da Elz eine besondere Rolle im Kreislauf von Leben und Tod zukommt. Das Gedicht vermittelt eine tiefere Einsicht in die menschliche Existenz und die Akzeptanz des Todes als natürlichen Teil des Lebens.

Schlüsselwörter

elz rufts hol schiff strand havel ruft ruder

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Da schleppt sich herab aus wildem Wald
Anapher
»Hol über!« rufts mit grimmem Ton; Ein andrer wär da bald entflohn, Elz aber ruft: Wer seid ihr? »Hol über!« rufts mit solcher Wut, Daß her zum Nachen rauscht die Flut, Elz aber nimmt das Ruder,
Hyperbel
So schwer, daß fast es niedergeht
Kontrast
Elz kennt keine Furcht und keinen Schreck
Metapher
Eine riesig dunkle Graungestalt
Personifikation
Die Havel hegt viel Fische
Symbolik
der Tod ich bin
Vorausdeutung
Nicht du sollst spät mich sonder Graun Mit leichten Flügeln wiederschaun Als sanften Seelenlöser