Der Feuerreiter
1804Sehet ihr am Fensterlein Dort die rote Mütze wieder? Nicht geheuer muß es sein, Denn er geht schon auf und nieder. Und auf einmal welch Gewühle Bei der Brücke, nach dem Feld! Horch! das Feuerglöcklein gellt:
Hinterm Berg, Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle!
Schaut! da sprengt er wütend schier Durch das Tor, der Feuerreiter, Auf dem rippendürren Tier, Als auf einer Feuerleiter! Querfeldein! Durch Qualm und Schwüle Rennt er schon, und ist am Ort! Drüben schallt es fort und fort:
Hinterm Berg, Hinterm Berg
Brennt es in der Mühle!
Der so oft den roten Hahn Meilenweit von fern gerochen, Mit des heilgen Kreuzes Span Freventlich die Glut besprochen - Weh! dir grinst vom Dachgestühle Dort der Feind im Höllenschein. Gnade Gott der Seele dein!
Hinterm Berg, Hinterm Berg
Rast er in der Mühle!
Keine Stunde hielt es an, Bis die Mühle borst in Trümmer; Doch den kecken Reitersmann Sah man von der Stunde nimmer. Volk und Wagen im Gewühle Kehren heim von all dem Graus; Auch das Glöcklein klinget aus:
Hinterm Berg, Hinterm Berg
Brennt’s! -
Nach der Zeit ein Müller fand Ein Gerippe samt der Mützen Aufrecht an der Kellerwand Auf der beinern Mähre sitzen: Feuerreiter, wie so kühle Reitest du in deinem Grab! Husch! da fällt’s in Asche ab.
Ruhe wohl, Ruhe wohl
Drunten in der Mühle!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Feuerreiter" von Eduard Mörike handelt von einem geheimnisvollen Reiter, der mit einer roten Mütze bekleidet ist und von den Dorfbewohnern beobachtet wird. Er eilt zur brennenden Mühle und wird von einem Feuerglöckchen begleitet, das vor dem Brand warnt. Der Feuerreiter reitet auf einem dünnen, feurigen Pferd und durchquert das Feld, um zur Mühle zu gelangen. Der Feuerreiter wird als jemand dargestellt, der oft den Brandgeruch von weitem wahrgenommen hat und mit dem heiligen Kreuz die Flammen beschworen hat. Er wird als Feind in der Hölle dargestellt, der in der brennenden Mühle rast. Die Mühle brennt bis auf die Grundmauern nieder, und der Feuerreiter wird nie wieder gesehen. Später findet ein Müller das Gerippe des Feuerreiters mit der roten Mütze aufrecht an der Kellerwand sitzend auf seinem dünnen Pferd. Der Feuerreiter reitet ruhig in seinem Grab, bis er in Asche zerfällt. Das Gedicht endet mit einem Wunsch nach Ruhe für den Feuerreiter in der Mühle.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Wiederholung des 'r'-Lautes in 'rippendürren Tier' und 'auf einer Feuerleiter'.
- Anapher
- Die Zeile 'Hinterm Berg, Hinterm Berg' wird mehrfach wiederholt, um die Dringlichkeit und den Rhythmus des Gedichts zu verstärken.
- Bildlichkeit
- Die lebendige Beschreibung des Feuers und der Verwüstung schafft starke visuelle Bilder.
- Enjambement
- Der Zeilenumbruch in 'Ruhe wohl, Ruhe wohl' betont die Endgültigkeit des Todes.
- Hyperbel
- Die Beschreibung des Reiters als 'auf einem rippendürren Tier' übertreibt die Dünne des Pferdes.
- Ironie
- Die Ironie, dass der Feuerreiter, der das Feuer bekämpfen sollte, selbst zu Asche wird.
- Kontrast
- Der Kontrast zwischen der 'kühlen' Ruhe des Reiters in seinem Grab und der 'Höllen'-Glut, die er zuvor besprochen hat.
- Metapher
- Der 'rote Hahn' ist eine Metapher für das Feuer, das aus einem Dachboden schlägt.
- Onomatopoesie
- Das 'gellt' des Feuerglöckleins imitiert den Klang einer Glocke.
- Personifikation
- Der Feind wird als grinsend vom Dachgestühl beschrieben, was ihm menschliche Züge verleiht.
- Symbolik
- Das 'heilge Kreuzes Span' symbolisiert den Versuch, das Feuer mit religiösen Mitteln zu bekämpfen.
- Vorahnung
- Die wiederholte Warnung 'Hinterm Berg, Hinterm Berg brennt es in der Mühle' deutet das tragische Ende an.