Der ewige Wanderer

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Rastloser, der, vom alten Fluche wankend, Im Wettersturme des Vergangnen schwankend, Mit irren Tritten durch das Weltall schweift, Dem immer neu der Winterfrost der Jahre Und der Jahrhunderte die greisen Haare, Wie Schnee der Alpen Haupt, bereift!

Vorüber sahst du gehn die Menschenalter, Und neu zur Gruft erstehen gleich dem Falter, Der ew′gen Tod auf seinen Schwingen trägt, Und sahst die Völker zu den toten Reichen, Wie blasse Kinder zu der Mütter Leichen, Staub zu dem Staub, ins Grab gelegt.

Um Freude bettelnd klopfst du an die Pforte Von jeder Zeit; doch jede ruft die Worte Entgegen dir: Nimm unsre Schmerzen mit! Ein Lachen, um den Jammer zu betäuben, Dünkt dich die Lust; wie welkes Laub umstäuben Der Menschheit Seufzer deinen Tritt.

Jetzt, da nach Aufgang deine Blicke schweifen, Zählst du am Himmelsrand die blassen Streifen, Ob einer noch zum ew′gen Morgen fehlt; Die Dämmrung naht, und auf die vierte Stunde Weist jene Sternenuhr, die als Sekunde Das älteste Jahrtausend zählt.

Ein frost′ger Hauch dringt durch des Ostens Spalten, Und Heerrauch wallt herab in grauen Falten; Der Morgen tagt, doch tagt in Finsternis; Angstvoll nur flattern einzle Himmelslichter; Der Erdstoß schreitet näher, der Vernichter; Von Pol zu Pole klafft ein Riß.

Ein Donner dröhnt von fallenden Lawinen, Und Welt an Welt, Ruine an Ruinen, Stürzt zitternd durch die aschenbleiche Luft; Die Monde und die Wandelsterne rollen, Wie auf den Sarg der Sterblichen die Schollen, Zu ihren Sonnen in die Gruft.

Es knicken, losgerissen aus den Fugen, Die Säulen, die den Bau der Schöpfung trugen, Wie nächt′ge Schatten in dem Strahl des Lichts, Und durch die Nebel, wie sie niedertriefen, Gähnt in den ausgeleerten Himmelstiefen Das öde, grenzenlose Nichts.

Doch du, o Seufzer auf des Ew′gen Lippe, O Wandrer, spähst noch von der Trümmerklippe Des toten Weltalls nach dem künft′gen Einst; Verronnen sind die Ströme und die Meere; Noch aber ist sie nicht versiegt, die Zähre, Die brennendheiße, die du weinst!

Und um dich her, wie Blasen auf dem Schaume, Gärt neues Leben in dem wüsten Raume Und schleudert Sonnen, Ball an Ball gereiht, Durch neue Himmel hin mit ihren Erden, Und schäumend überschwillt das neue Werden Die Marken der Unendlichkeit.

Aufs neue dann, von ew′gem Durst getrieben, Indes gleich Flocken Welten um dich stieben, Raffst du dich auf an deinem Wanderstab Und fragst die Brandung neuer Oceane, Die Flammenherde werdender Vulkane: Habt ihr für meinen Schmerz ein Grab?

O Bild der Menschheit, Bild der gramerkornen, Die ewig seufzt ums Glück der Ungebornen, Doch nie dem Fluch entrinnt, der sie ergreift Und sie als Opfer mit den beiden Schergen, Geburt und Tod, auf Wiegen und auf Särgen Von Dasein fort zu Dasein schleift!

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Illustration zu Der ewige Wanderer

Interpretation

Das Gedicht "Der ewige Wanderer" von Adolf Friedrich Graf von Schack thematisiert den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, Geburt und Tod, Freude und Schmerz. Der Wanderer, der von einem Fluch getrieben ist, durchstreift das Weltall und beobachtet das Auf und Ab der Menschheit und der Völker. Er sucht nach Freude, doch überall begegnet er nur Schmerz und Leid. Das Gedicht beschreibt die Vergänglichkeit aller Dinge und die Unausweichlichkeit des Todes. Selbst die Sonnen und Planeten werden am Ende in die Gruft sinken, und der Kosmos wird in sich zusammenfallen. Doch der Wanderer gibt nicht auf und sucht weiter nach einem Ausweg aus dem ewigen Kreislauf. Er weint bittere Tränen und hofft auf eine bessere Zukunft. Das Gedicht endet mit einer Aufforderung an den Wanderer, sich aufzuraffen und weiter zu suchen. Auch wenn die Vergangenheit voller Schmerz und Leid war, gibt es immer noch Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Der Wanderer soll sich nicht von der Vergänglichkeit des Lebens entmutigen lassen, sondern weiterhin nach Glück und Erfüllung suchen.

Schlüsselwörter

gen neue neu sahst gruft gleich tod toten

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Stilmittel

Metapher
Und sie als Opfer mit den beiden Schergen, / Geburt und Tod, auf Wiegen und auf Särgen / Von Dasein fort zu Dasein schleift!
Personifikation
Der Morgen tagt, doch tagt in Finsternis
Vergleich
Und neu zur Gruft erstehen gleich dem Falter, / Der ew'gen Tod auf seinen Schwingen trägt