Der ewige Jude
1823Ich wandre sonder Rast und Ruh, Mein Weg führt keinem Ziele zu; Fremd bin ich in jedwedem Land, Und überall doch wohlbekannt.
Tief in dem Herzen klingt ein Wort, Das treibt mich fort von Ort zu Ort; Ich spräch′s nicht aus, nicht laut, nicht leis, Sollt′ ewge Ruh auch sein der Preis.
Es wärmt mich nicht der Sonne Licht, Des Abends Tau, er kühlt mich nicht; Ein lauer Nebel hüllt mich ein In ewig gleichen Dämmerschein.
Kein Mensch sich je zu mir gesellt, Es lacht kein Blick mir in der Welt: Kein Vogel singt auf meinem Pfad, Ob meinem Haupte rauscht kein Blatt.
So zieh ich Tag und Nacht einher, Das Herz so voll, die Welt so leer; Ich habe alles schon gesehn, Und darf doch nicht zur Ruhe gehn.
Vom Felsen stürzt der Wasserfall, Fort schäumt der Fluß im tiefen Tal; Er eilt so froh der ewgen Ruh, Dem stillen Ozeane zu.
Der Adler schwingt sich durch die Luft, Verschwebend in des Äthers Duft; Hoch in den Wolken steht sein Haus, Auf Alpenspitzen ruht er aus.
Der Delphin durch die Fluten schweift, Wenn in die Bucht der Schiffer läuft; Und nach dem Sturm im Sonnenschein Schläft er auf Wellenspiegeln ein.
Die Wolken treiben hin und her, Sie sind so matt, sie sind so schwer; Da stürzen rauschend sie herab, Der Schoß der Erde wird ihr Grab.
Der müde Wandrer dieser Welt, Ein sicher Ziel ist ihm gestellt. Was klagt er ob des Tages Not? Vor Nacht noch holt ihn heim der Tod.
O Mensch, der du den Lauf vollbracht, Und gehest ein zur kühlen Nacht, Bet, eh du tust die Augen zu, Für mich um Stunde Ruh!
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Interpretation
Das Gedicht "Der ewige Jude" von Wilhelm Müller handelt von einem Wanderer, der ohne Ruhe und Ziel durch die Welt zieht. Er fühlt sich fremd, aber auch bekannt, und wird von einem inneren Wort getrieben, das er nicht aussprechen kann. Die Natur um ihn herum ist ihm gleichgültig, und er findet weder Wärme noch Kühle. Er ist einsam und hat alles gesehen, darf aber nicht zur Ruhe kommen. Der Wanderer vergleicht sich mit anderen Geschöpfen wie dem Wasserfall, dem Adler, dem Delphin und den Wolken, die alle ein Ziel oder einen Ort der Ruhe haben. Er beneidet sie um ihre Freiheit und ihr Ziel. Er fragt sich, warum er als müder Wanderer dieser Welt kein sicheres Ziel hat und warum er über die Not des Tages klagt, wenn der Tod ihn noch vor der Nacht holen wird. Das Gedicht endet mit einer Bitte an den Menschen, der den Lauf vollbracht und in die kühle Nacht eingeht, für den ewigen Juden um eine Stunde Ruhe zu beten. Es ist ein Appell an die Menschlichkeit und das Mitgefühl für den ewigen Wanderer, der ohne Ziel und Ruhe durch die Welt zieht.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Hyperbel
- Bet, eh du tust die Augen zu
- Kontrast
- Der Adler schwingt sich durch die Luft
- Metapher
- Der ewige Jude
- Personifikation
- Die Wolken treiben hin und her
- Symbolik
- Der müde Wandrer dieser Welt