Der Esel des Buridan

Robert Eduard Prutz

1857

Rechts Heu und Klee, links Heu und Klee! Die allerfettsten Weiden - Dem Esel tut das Wählen weh, er kann sich nicht entscheiden. Er schnopert rechts, er schnopert links und dreht sich dreimal um - O Buridan, o Buridan, was ist dein Esel dumm!

Rechts Gras und Korn, links Gras und Korn, wie knurrt es ihm im Magen! Und immer wieder geht’s von vorn, er mag die Wahl nicht wagen. So zwischen beiden bleibt er stehn und fällt vor Hunger um - O Buridan, o Buridan, was war dein Esel dumm! -

Rechts freie Presse, links Zensur, rechts Wahrheit, links die Lüge - Was stehen wir und grübeln nur und haben’s nicht Genüge? Wir horchen rechts, wir horchen links und fragen fern und nah - O Buridan, o Buridan, wär’ doch dein Esel da!

Die Freiheit rechts, links Sklaverei, wer könnt’ es sich verhehlen! Wir aber stehn und stehn dabei und wissen nicht zu wählen. So sind wir doch weit ärger noch und dummer noch fürwahr, o Buridan, o Buridan, als wie dein Esel war!

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Der Esel des Buridan

Interpretation

Das Gedicht "Der Esel des Buridan" von Robert Eduard Prutz ist eine satirische Auseinandersetzung mit der Unentschlossenheit und der Schwierigkeit, zwischen zwei gleichermaßen attraktiven oder unattraktiven Optionen zu wählen. Das Gedicht bezieht sich auf das philosophische Gedankenexperiment des Buridan-Effekts, bei dem ein Esel, der zwischen zwei gleich großen Haufen Heu steht, aufgrund seiner Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, verhungert. In den ersten beiden Strophen wird die Situation des Esels beschrieben, der zwischen zwei Haufen Heu und Klee bzw. Gras und Korn steht. Der Esel kann sich nicht entscheiden und dreht sich hin und her, bis er schließlich vor Hunger zusammenbricht. Der Sprecher des Gedichts beklagt die Dummheit des Esels und fragt sich, warum er sich nicht einfach für eine der Optionen entscheiden konnte. In den dritten und vierten Strophen wird die Analogie auf die menschliche Situation übertragen. Der Sprecher beschreibt, wie Menschen vor ähnlichen Entscheidungen stehen, wie zum Beispiel zwischen freier Presse und Zensur oder zwischen Freiheit und Sklaverei. Auch hier wird die Unentschlossenheit und das Zögern beschrieben, wobei der Sprecher sich wünscht, dass der Esel von Buridan anwesend wäre, um die Situation zu lösen. Das Gedicht endet mit einer Kritik an der menschlichen Unentschlossenheit und Dummheit. Der Sprecher behauptet, dass die Menschen noch schlimmer seien als der Esel von Buridan, da sie sich nicht einmal in einer klaren Entscheidungssituation zurechtfinden könnten. Das Gedicht verdeutlicht somit die Absurdität der Unentschlossenheit und die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen, auch wenn beide Optionen gleichermaßen attraktiv oder unattraktiv erscheinen.

Schlüsselwörter

buridan rechts links esel stehn heu klee wählen

Wortwolke

Wortwolke zu Der Esel des Buridan

Stilmittel

Alliteration
und dreht sich dreimal um
Anapher
Die Freiheit rechts, links Sklaverei,
Epipher
o Buridan, o Buridan, als wie dein Esel war!
Hyperbel
und fällt vor Hunger um
Kontrast
Die Freiheit rechts, links Sklaverei
Metapher
Der Esel des Buridan
Personifikation
Dem Esel tut das Wählen weh