Der Erste

Friedrich Theodor Vischer

1831

Dich möcht’ ich kennen, stolzer Göttersohn, Der du zuerst im ungeheuern Schmerz Dem ew’gen Fluch, der blassen Furcht zum Hohn, Den Stahl gezücket auf das eigne Herz,

Der du zuerst geboren und erfaßt Den Wuthgedanken, den kein Mensch noch trug, Von dir zu schleudern dieses Lebens Last, Den Blitz, der noch in keine Seele schlug,

Den grellen Schrei, der durch die Himmel schallt, Den Bruch mit Allem, was das Herz erfreut, Den Sturz, den jede lebende Gewalt, Den Erd’ und Höll’ und Himmel uns verbeut.

Vor meinem Auge richtet sich empor, Die Blicke rollen göttlich stolz und wild, Umflattert rings von grauser Larven Chor, Dein aufgerecktes, geisterbleiches Bild.

Zum Himmel blickst du und dein Auge sagt: Du Sonne dort, meinst du, ich liebe dich? Zur Erde blickst du und die Stirne klagt: Du Thörin, du, warum gebarst du mich?

Sie aber trägt den harten Vorwurf nicht Und sendet leis, wie durch des Traumes Thor, Umflossen weich von rosenfarbnem Licht, Bekannte Bilder, Hand in Hand, hervor.

Der Kindheit Unschuld und der Freundschaft Glück, Der ersten Liebe süßes Herzeleid, Die Hoffnung mit dem weiten, großen Blick, Des Glaubens Kraft und stille Seligkeit.

Sie schauen ihn mit blauen Augen an, Sie schütteln trüb das blonde Lockenhaupt, Als fragten sie: welch unglücksel’ger Wahn Hat unsrem Reich den lieben Freund geraubt?

Wehmüthig lächelt er – zum letzten Mal, Der alte Zorn, ein stolzer Löw’, erwacht, Die Waffe blitzt, es zischt ein rother Strahl, Er stürzt zusammen in die ew’ge Nacht.

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Illustration zu Der Erste

Interpretation

Das Gedicht "Der Erste" von Friedrich Theodor Vischer handelt von einem stolzen Göttersohn, der als erster in ungeheuren Schmerz den ewigen Fluch und die blasse Furcht zum Hohn mit Stahl auf sein eigenes Herz richtet. Dieser Held gebar als Erster den Zorngedanken, den kein Mensch zuvor trug, und wollte von sich aus das Leben abwerfen, den Blitz, der noch in keine Seele schlug. Sein greller Schrei hallte durch die Himmel, er brach mit allem, was das Herz erfreute, und stürzte sich in die ewige Nacht. In einer Vision richtet sich vor dem Auge des Sprechers das aufgerichtete, bleiche Bild des Helden empor, umflattert von einem Chor grauer Larven. Er blickt zum Himmel und fragt die Sonne, ob sie ihn liebt, und zur Erde, warum sie ihn gebar. Die Erde kann den harten Vorwurf nicht tragen und sendet leise bekannte Bilder hervor, umflossen von rosigem Licht. Es sind die Unschuld der Kindheit, das Glück der Freundschaft, die süße Herzeleid der ersten Liebe, die Hoffnung mit ihrem weiten Blick, die Kraft des Glaubens und die stille Seligkeit. Die Bilder schauen den Helden mit blauen Augen an und schütteln trüb das blonde Lockenhaupt, als würden sie fragen, welcher unglückselige Wahn ihren lieben Freund aus ihrem Reich geraubt hat. Wehmütig lächelt der Held zum letzten Mal, der alte Zorn erwacht wie ein stolzer Löwe, die Waffe blitzt, ein roter Strahl zischt, und er stürzt zusammen in die ewige Nacht.

Schlüsselwörter

himmel stolzer zuerst herz auge blickst liebe hand

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Stilmittel

Alliteration
blassen Furcht zum Hohn
Hyperbel
Den ew'gen Fluch
Metapher
der alte Zorn, ein stolzer Löw', erwacht
Personifikation
Sie schauen ihn mit blauen Augen an