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Der Erste

Von

Dich möcht‘ ich kennen, stolzer Göttersohn,
Der du zuerst im ungeheuern Schmerz
Dem ew’gen Fluch, der blassen Furcht zum Hohn,
Den Stahl gezücket auf das eigne Herz,

Der du zuerst geboren und erfaßt
Den Wuthgedanken, den kein Mensch noch trug,
Von dir zu schleudern dieses Lebens Last,
Den Blitz, der noch in keine Seele schlug,

Den grellen Schrei, der durch die Himmel schallt,
Den Bruch mit Allem, was das Herz erfreut,
Den Sturz, den jede lebende Gewalt,
Den Erd‘ und Höll‘ und Himmel uns verbeut.

Vor meinem Auge richtet sich empor,
Die Blicke rollen göttlich stolz und wild,
Umflattert rings von grauser Larven Chor,
Dein aufgerecktes, geisterbleiches Bild.

Zum Himmel blickst du und dein Auge sagt:
Du Sonne dort, meinst du, ich liebe dich?
Zur Erde blickst du und die Stirne klagt:
Du Thörin, du, warum gebarst du mich?

Sie aber trägt den harten Vorwurf nicht
Und sendet leis, wie durch des Traumes Thor,
Umflossen weich von rosenfarbnem Licht,
Bekannte Bilder, Hand in Hand, hervor.

Der Kindheit Unschuld und der Freundschaft Glück,
Der ersten Liebe süßes Herzeleid,
Die Hoffnung mit dem weiten, großen Blick,
Des Glaubens Kraft und stille Seligkeit.

Sie schauen ihn mit blauen Augen an,
Sie schütteln trüb das blonde Lockenhaupt,
Als fragten sie: welch unglücksel’ger Wahn
Hat unsrem Reich den lieben Freund geraubt?

Wehmüthig lächelt er – zum letzten Mal,
Der alte Zorn, ein stolzer Löw‘, erwacht,
Die Waffe blitzt, es zischt ein rother Strahl,
Er stürzt zusammen in die ew’ge Nacht.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der Erste von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Erste“ von Friedrich Theodor Vischer zeichnet ein düsteres Bild der Verzweiflung und des Selbstmords. Es schildert die innere Zerrissenheit einer Figur, die als „stolzer Göttersohn“ beschrieben wird, und die als Erster den Mut aufbringt, sich dem Leben zu entziehen. Das Gedicht ist eine Hommage an den Schmerz und die radikale Entscheidung desjenigen, der sich von der Welt abwendet, eine Figur, die im Angesicht des Leids das Leben verneint.

Vischer beginnt mit der Erhebung des Protagonisten, der durch seinen Freitod zu einer heldenhaften Figur wird. Er zückt „den Stahl“ gegen das eigene Herz und trohnt damit als Erster, der den „ungeheuern Schmerz“ überwindet. Der „Wuthgedanke“ und der „grellen Schrei“ deuten auf eine extreme, existenzielle Erfahrung hin, die von der Umwelt als unzulässig oder gar verboten wahrgenommen wird. Die Welt, dargestellt durch „Erd‘ und Höll‘ und Himmel“, versucht den Suizid zu verhindern, was die Radikalität und den revolutionären Charakter der Tat noch verstärkt.

Die dritte Strophe führt die innere Auseinandersetzung des Protagonisten vor Augen. Er blickt zum Himmel und zur Erde, um sich dann von den Bildern der Welt zu distanzieren. Die Frage nach dem Sinn der Existenz, dargestellt in der Anklage an die Erde, deutet auf eine tiefgreifende Lebensmüdigkeit hin. Die Erinnerung an die positiven Aspekte des Lebens – Kindheit, Freundschaft, Liebe, Hoffnung, Glaube – wird in den folgenden Strophen als Kontrast dargestellt. Diese Erinnerungen werden als „bekannte Bilder“ personifiziert, die versuchen, den Protagonisten von seinem Vorhaben abzubringen.

Der Protagonist lehnt diese Erinnerungen jedoch ab. Das Gedicht endet mit einem melancholischen Lächeln und dem endgültigen Entschluss. Der Zorn, der ihn angetrieben hat, erwacht noch einmal, die Waffe blitzt, und der Suizid wird vollzogen. Die „ew’ge Nacht“ ist das endgültige Ziel, der Tod als Erlösung von dem Leid. Das Gedicht endet mit der tragischen Heldenfigur, die durch ihren Freitod zum Symbol des Schmerzes und der Rebellion gegen die Welt wird.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.