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Der erste Schnee

Von

Der erste Schnee hat auf die weite Welt
Still über Nacht das weiße Tuch gebreitet,
Die Häuser sind wie weißes Zelt an Zelt,
Baum, Weg und Steg in schimmernd Weiß gekleidet.

Und wie ich so vom warmen Stübchen seh‘
In’s weiße Dorf und auf die weißen Auen,
Kommt über mich, mit tiefem Wohl und Weh,
Ein wacher Traum, ein helles innres Schauen.

Zum bunten Tuche wird das bleiche Feld,
Drauf Bild um Bild sich warm in Farbe malet,
Und einen Christbaum seh‘ ich aufgestellt,
Der buntbehängt, von Harze duftend strahlet.

Die Mutter steht und breitet Gaben aus,
Die Kinder sind im Kämmerlein gefangen
Und ängsten sich, ob nicht die Welt in Graus
Vergehen könnt‘, eh‘ sie den Christ empfangen.

Es ruft, der große Augenblick ist da,
Der Vater holt uns zu des Himmels Schwelle;
Wie leuchtet bei dem wonnevollen Ah!
Sein braunes Aug‘ in milder, warmer Helle!

Er ahnet nicht, wie bald er scheiden muß,
Als arme Waisen seine Kinder lassen.
Noch heute seh‘ ich, wie den letzten Kuß
Die Mutter auf die Lippen drückt, die blassen.

Das Leben eilt. Schon winkt ein heitres Bild,
Ein Kloster steht im Felsenthal geborgen.
Da blühen Knaben, frisch und gut und wild,
Gefüllte Knospen in des Lebens Morgen.

Sie öffnen sich am starken, reinen Strahl,
Geist strebt an Geist, im Tausche sich zu laben,
Und staunend fühlen sie zum ersten Mal,
Wie tief das Glück ist, einen Freund zu haben.

Wohl mir zum reichen jugendlichen Bund!
Ich bin nicht ich allein, ich habe Freunde!
Ich grüße fern, doch nah, mit Herz und Mund,
Ein fröhlich Glied, die fröhliche Gemeinde.

Und noch! Was keimt noch, will an’s Tageslicht?
Was les‘ ich noch im bilderreichen Buche?
Der ersten Liebe selig Traumgesicht
Spinnt sich und webt auf meinem weißen Tuche.

Was steigt, was taucht blondlockig aus dem Schnee
Und blickt mich an mit klarem Kinderauge?
Komm, theures Haupt, daß ich in’s Aug‘ dir seh‘,
Den lautern Quell, woraus ich Frieden sauge.

Im Busen weht es wie ein lauer Wind.
Thaut mir’s im Auge? Will der Schnee zerfließen?
Kommt alle, kommt! Ein liebesehnend Kind
Will euch in seine treuen Arme schließen.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der erste Schnee von Friedrich Theodor Vischer

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der erste Schnee“ von Friedrich Theodor Vischer ist eine melancholische Reflexion über die Vergänglichkeit des Lebens, eingebettet in die malerische Szenerie des ersten Schneefalls. Der Dichter nutzt die weiße Decke des Schnees als Leinwand, auf der sich Erinnerungen und Träume wie flüchtige Bilder abzeichnen. Das Gedicht ist in acht Strophen unterteilt, die verschiedene Lebensabschnitte des lyrischen Ichs beleuchten und eine emotionale Reise von der Kindheit bis zur Gegenwart darstellen.

Die erste Strophe etabliert die winterliche Szene: der Schnee, der die Welt in ein „weißes Tuch“ hüllt. Diese weiße Farbe wird zum Leitmotiv und symbolisiert Reinheit, Unschuld und gleichzeitig Leere und Stille, die den Betrachter in eine kontemplative Stimmung versetzen. Die folgenden Strophen wechseln zwischen Momenten der Kindheit, der Jugend und der Gegenwart, wobei der Dichter durch die Erinnerung an vergangene Erlebnisse das Wesen des Lebens erkundet. Bilder wie der Weihnachtsbaum, die Familie, die Kindheit im Kloster und die erste Liebe werden wie flüchtige Träume auf dem weißen Hintergrund des Schnees projiziert.

Die zentrale Thematik des Gedichts ist die Erfahrung des Verlustes und des Wandels. Die Erinnerungen an die Eltern, insbesondere der Abschiedskuss der Mutter, unterstreichen die Vergänglichkeit und das endliche Sein. Die Jugend, mit ihren Freunden und den ersten Liebesgefühlen, steht für die Hoffnung und die Lebensfreude, wird aber durch das Wissen um die spätere Erfahrung der Trauer und des Verlustes getrübt. Der Dichter verbindet Vergangenheit und Gegenwart miteinander, indem er die Erinnerungen als ein „bilderreiches Buch“ betrachtet, das sich im Laufe der Zeit immer wieder neu entfaltet.

Die Sprache des Gedichts ist reich an Bildern und Emotionen. Vischer verwendet sanfte, fließende Verse, die eine melancholische Atmosphäre erzeugen, die jedoch nicht frei von Hoffnung und Sehnsucht ist. Das Gedicht endet mit dem Wunsch, die Liebsten in die Arme zu schließen, was die Suche nach Trost und Verbundenheit in der Vergänglichkeit widerspiegelt. Die Winterlandschaft wird so zu einem Spiegel der Seele, der die innere Welt des Dichters widerspiegelt und die großen Fragen des Lebens und der Liebe an einem festlichen Tag auslösen kann.

Weitere Informationen

Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesem Gedicht und der Seite.

Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.