Der erste Schnee

Friedrich Theodor Vischer

1888

Der erste Schnee hat auf die weite Welt Still über Nacht das weiße Tuch gebreitet, Die Häuser sind wie weißes Zelt an Zelt, Baum, Weg und Steg in schimmernd Weiß gekleidet.

Und wie ich so vom warmen Stübchen seh' In’s weiße Dorf und auf die weißen Auen, Kommt über mich, mit tiefem Wohl und Weh, Ein wacher Traum, ein helles innres Schauen.

Zum bunten Tuche wird das bleiche Feld, Drauf Bild um Bild sich warm in Farbe malet, Und einen Christbaum seh’ ich aufgestellt, Der buntbehängt, von Harze duftend strahlet.

Die Mutter steht und breitet Gaben aus, Die Kinder sind im Kämmerlein gefangen Und ängsten sich, ob nicht die Welt in Graus Vergehen könnt’, eh’ sie den Christ empfangen.

Es ruft, der große Augenblick ist da, Der Vater holt uns zu des Himmels Schwelle; Wie leuchtet bei dem wonnevollen Ah! Sein braunes Aug’ in milder, warmer Helle!

Er ahnet nicht, wie bald er scheiden muß, Als arme Waisen seine Kinder lassen. Noch heute seh’ ich, wie den letzten Kuß Die Mutter auf die Lippen drückt, die blassen.

Das Leben eilt. Schon winkt ein heitres Bild, Ein Kloster steht im Felsenthal geborgen. Da blühen Knaben, frisch und gut und wild, Gefüllte Knospen in des Lebens Morgen.

Sie öffnen sich am starken, reinen Strahl, Geist strebt an Geist, im Tausche sich zu laben, Und staunend fühlen sie zum ersten Mal, Wie tief das Glück ist, einen Freund zu haben.

Wohl mir zum reichen jugendlichen Bund! Ich bin nicht ich allein, ich habe Freunde! Ich grüße fern, doch nah, mit Herz und Mund, Ein fröhlich Glied, die fröhliche Gemeinde.

Und noch! Was keimt noch, will an’s Tageslicht? Was les’ ich noch im bilderreichen Buche? Der ersten Liebe selig Traumgesicht Spinnt sich und webt auf meinem weißen Tuche.

Was steigt, was taucht blondlockig aus dem Schnee Und blickt mich an mit klarem Kinderauge? Komm, theures Haupt, daß ich in’s Aug’ dir seh’, Den lautern Quell, woraus ich Frieden sauge.

Im Busen weht es wie ein lauer Wind. Thaut mir’s im Auge? Will der Schnee zerfließen? Kommt alle, kommt! Ein liebesehnend Kind Will euch in seine treuen Arme schließen.

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Illustration zu Der erste Schnee

Interpretation

Das Gedicht "Der erste Schnee" von Friedrich Theodor Vischer ist ein lyrisches Werk, das die emotionale Wirkung des ersten Schneefalls auf den lyrischen Ich beschreibt. Der Schnee verwandelt die Welt in eine weiße, friedliche Landschaft, die das lyrische Ich in einen wachen Traum versetzt und es in eine Reise durch die Erinnerungen und Emotionen seines Lebens führt. Das Gedicht beginnt mit einer Beschreibung der verschneiten Landschaft, die das lyrische Ich aus seinem warmen Zimmer betrachtet. Der Schnee wird als ein "weißes Tuch" dargestellt, das über die Welt gebreitet ist und Häuser, Bäume und Wege in ein schimmerndes Weiß hüllt. Diese Beschreibung erzeugt eine Atmosphäre von Ruhe und Stille, die das lyrische Ich in einen wachen Traum versetzt. Im weiteren Verlauf des Gedichts taucht das lyrische Ich in seine Erinnerungen ein und erlebt verschiedene Stationen seines Lebens. Es erinnert sich an die Weihnachtszeit, an seine Kindheit und an seine Freunde. Die Erinnerungen werden als "bunte Bilder" dargestellt, die sich auf dem "bleichen Feld" des Schnees abzeichnen. Das lyrische Ich erlebt diese Erinnerungen als eine Mischung aus Glück und Weh, da es sich bewusst ist, dass die Zeit vergeht und sich die Menschen verändern. Im letzten Teil des Gedichts wird die erste Liebe des lyrischen Ichs thematisiert. Es sieht ein "theures Haupt" aus dem Schnee aufsteigen und sehnt sich danach, in dessen Augen zu blicken und Trost und Frieden zu finden. Das lyrische Ich fühlt sich von einer starken Liebe und Sehnsucht erfüllt und möchte alle Menschen, die es liebt, in seine "treuen Arme schließen". Das Gedicht endet mit einem Gefühl von Wärme und Geborgenheit, das der Schnee und die Erinnerungen dem lyrischen Ich vermitteln.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Ein liebesehnend Kind Will euch in seine treuen Arme schließen
Personifikation
Im Busen weht es wie ein lauer Wind
Vergleich
Die Häuser sind wie weißes Zelt an Zelt